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Bessere Zeiten für Frühchen

10.01.2006
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Risikoentbindungen

Bessere Zeiten für Frühchen

von Gudrun Heyn, Berlin

 

Ab Januar 2006 dürfen Risikoentbindungen nur noch in spezialisierten Kliniken durchgeführt werden. Bisher waren Mütter selten über bestehende Risiken informiert oder an spezialisierte Krankenhäuser verwiesen worden.

 

Jedes Kind soll in Deutschland an einem Ort auf die Welt kommen, wo es seinen Bedürfnissen entsprechend versorgt werden kann. Ende September 2005 hat daher der Gemeinsame Bundesausschuss nach SGB V (GBA) neue Richtlinien für die klinische Perinatalmedizin festgelegt. Schon lange war in Fachkreisen eine bessere Versorgungsqualität für Frühchen und Neugeborene mit schweren Fehlbildungen gefordert worden. »Mit den neuen Richtlinien sind wir nun auf dem richtigen Weg«, sagte Professor Dr. Joachim Dudenhausen von der Charité auf dem 22. Deutschen Kongress für Perinatale Medizin in Berlin. In Deutschland werden trotz erkennbarer und im Mutterpass dokumentierter Gefahr für die Kleinen ein Viertel aller Hochrisikoschwangeren in einer Klinik entbunden, die nicht für sie angemessen ist. Dies ergab eine bundesweite Stichprobe unter 13.500 Müttern, die 2002 in einem deutschen Krankenhaus stationär entbunden hatten und Mitglied der DAK waren.

 

Die Studie brachte noch weitere Betreuungsmängel zu Tage. Viele Ärzte hatten ihren Patientinnen ein tatsächlich bestehendes Risiko nicht oder nicht klar genug mitgeteilt. So erfuhren nur etwa 20 Prozent der Risikoschwangeren, dass ihr Nachwuchs gesundheitlich gefährdet ist. Auch die Beratung über eine angemessene Geburtsklinik gehörte für die wenigsten Ärzte zu den selbstverständlichen Vorsorgeleistungen. Lediglich 4 Prozent der Patientinnen, deren Nachwuchs laut Mutterpass erkennbar in einer Gefahrensituation war, bekamen eine Empfehlung für eine bestimmte Entbindungsklinik mit auf den Weg.

 

»In Zukunft wird so etwas kaum noch möglich sein«, sagte der Kongresspräsident Professor Dr. Klaus Vetter vom Vivantes Klinikum Berlin-Neukölln. Entbindungskliniken müssen nun sehr viel strengere Auflagen erfüllen, wenn sie mehr als nur termingerechte Geburten gesunder Kinder betreuen wollen. Entspricht ihre medizinisch-technische und personelle Ausstattung nicht dem Risikoprofil der Schwangeren, werden sie nicht mehr bezahlt.

 

Schätzungsweise 80 bis 100 Perinatalzentren der höchsten Versorgungsstufe wird es zukünftig in Deutschland geben. In den Level-1-Zentren sollen Kinder geboren und versorgt werden, deren erwartetes Geburtsgewicht unter 1250 Gramm liegt. Dazu gehören Frühchen, die vor der 29. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen, höhergradige Mehrlinge, wie Drillinge oder Vierlinge, oder etwa Kinder HIV-kranker Mütter. Rund 1 Prozent der werdenden Eltern sind mit solchen Risiken konfrontiert. Ihre Kinder machen jedoch etwa die Hälfte aller geschädigten Neugeborenen in Deutschland aus.

 

Die Betreuung der sehr kleinen Frühchen und Neugeborenen mit schweren Fehlbildungen wird nach der neuen Regelung ab Januar ausschließlich in qualifizierten Händen liegen. So muss etwa der Chef einer neonatologischen Intensivstation nun Neonatologe und der Chef der Geburtshilfe nun ein Arzt mit dem Schwerpunktnachweis Spezielle Geburtshilfe und Perinatalmedizin sein. Zuvor konnte die Funktion des ärztlichen Leiters auf diesen Stationen beispielsweise auch ein Gastroenterologe oder ein Chirurg erfüllen. Gefordert wird außerdem eine permanente Ärztepräsenz im Intensivbereich und ein möglichst hoher Anteil von Krankenpflegerinnen und -pflegern, die sich in der pädiatrischen Intensivpflege weitergebildet haben. Für die Kleinen sollen in den Level-1-Zentren Intensivtherapieplätze bereitstehen, damit ihnen der Krankenwagentransport vom Entbindungsbereich zur Intensivstation erspart bleibt. Für eine möglichst flächendeckende Versorgung von Patienten mit bestehendem Risiko werden zukünftig Level-2-Perinatalzentren zuständig sein. Sie sollen beispielsweise die Versorgung von Kindern gewährleisten, die zwischen der 29. und 32. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen.

 

Gemäß der neuen Richtlinie sind die Auflagen der Level-2-Zentren etwas weniger streng als in der höchsten Versorgungsstufe. Doch auch sie müssen neonatologische Intensivtherapieplätze und entsprechendes Fachpersonal bereitstellen.

 

Krankenhäuser mit angeschlossener Geburts- und Kinderklinik heißen ab Januar Perinatale Schwerpunkte. Sie sollen der neonatologischen Grundversorgung dienen und in der Lage sein, unerwartete Notfälle zu versorgen. Mindestens drei Jahre Erfahrung in der Neugeborenenheilkunde muss der verantwortliche Arzt nachweisen können. Als vierte Versorgungseinrichtung werden in Zukunft ausschließliche Geburtskliniken nur noch für Mütter da sein, die mit gesunden Kindern ab der 36. Schwangerschaftswoche niederkommen.

 

Mit den neuen Strukturvorgaben ist jetzt sehr genau geregelt, welche Neugeborenen in welcher Klinik betreut werden müssen. Experten gehen davon aus, dass so jedes Jahr mehrere hundert Todesfälle vermieden werden. »Einiges gibt es jedoch noch zu tun«, so Dudenhausen. So fehlt beispielsweise die eindeutige Zuordnung von erkrankten Müttern, etwa nach einer Herztransplantation. Sie können gemäß den neuen Richtlinien auch in Zukunft in einer Geburtsklinik entbunden werden, obwohl dies medizinisch eigentlich kontraindiziert sein müsste. Auch die Differenzierung in Perinatalzentren vom Level 1 und Level 2 wird nicht einhellig begrüßt. Denn wünschenswert wäre, dass jede Klinik eine Mindestanzahl bestimmter Patienten im Jahr versorgt, damit genügend Expertise im Notfall vorhanden ist.

 

Obwohl Risikogeburten in der Bundesrepublik bislang nicht konsequent in spezialisierten Zentren durchgeführt wurden, liegt Deutschland schon jetzt im europäischen Vergleich weit vorne. So hatten 2003 Frühchen in Hessen, die vor der 31. Schwangerschaftswoche geboren wurden, europaweit das niedrigste Mortalitätsrisiko. Allerdings lag die Morbidität dieser Kinder etwas höher als in anderen Regionen. In die europäische Mosaic-Studie gingen Daten von knapp 750.000 Geburten aus zehn europäischen Ländern ein. Noch sind nicht alle Zahlen ausgewertet. Als Zwischenbilanz steht jedoch fest, dass diejenigen Staaten, in denen eine strukturierte perinatale Versorgung gewährleistet ist, ihren Kindern die besten Überlebenschancen und den besten Gesundheitszustand garantieren.

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