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Auf Droge durch Arzneimittel

09.01.2006
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Medikamentenmissbrauch

Auf Droge durch Arzneimittel

von Matthias Bastigkeit, Geschendorf

 

15 Millionen Amerikaner und zunehmend auch Deutsche missbrauchen Arzneimittel als Drogenersatz. Alarmierend ist, dass sich unter den Konsumenten vermehrt Jugendliche befinden. Nicht selten empfinden diese den Missbrauch nicht einmal als Drogenkonsum, da die Anwendung nicht invasiv, sondern oral erfolgt.

 

Der Missbrauch von Medikamenten hat sich »im Land der unbegrenzten Möglichkeiten« seit Anfang der 90er-Jahre verdoppelt. Das US-National Center on Addiction and Substance Abuse (CASA) schätzt die Zahl derjenigen, die verschreibungspflichtige Opioide, Beruhigungsmittel oder ZNS-Stimulantien zweckentfremden, auf mittlerweile 15 Millionen. Alarmierend ist, dass verstärkt auch Jugendliche Gefallen am Ausprobieren von Medikamenten als Ersatzdrogen finden. Hier haben sich die Zahlen sogar verdreifacht. Im (fast) rechtsfreien Raum der Chatforen tauschen sie Erfahrungen aus, geben Tipps und prahlen mit Tripberichten. Selten empfinden sie den Missbrauch als Drogenkonsum, da die Anwendung meist nicht invasiv, sondern oral erfolgt. »Erprobte Konsumenten« schrecken jedoch auch vor Spritze und Kanüle nicht zurück. Immer häufiger wird zudem auch nasal appliziert. Der Rausch ist dadurch länger und wirkungsvoller, weil der First-pass-Effekt gemindert wird.

 

Hustenmittel als Droge

 

Derzeit ist der Missbrauch freiverkäuflicher dextromethorphanhaltiger Hustenblocker (zum Beispiel Hustenstiller ratiopharm®, Neo Tussan® Wick Formel 44 Hustenstiller®) in Mode. Sowohl die Schweizer Vergiftungszentrale als auch die Apothekerkammer Schleswig-Holstein warnen vor Missbrauch. Die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) rät ebenfalls davon ab, größere Mengen dieser Arzneimittel abzugeben.

 

Dextrometorphan (DMX) greift im Hustenzentrum der Medulla oblongata an und dämpft so zentral den Hustenreiz. Verglichen mit Codeinphosphat wirkt DMX stärker auf die Hustenintensität und etwa gleich stark auf die -frequenz. Weiterhin werden dem Pharmakon antikonvulsive und neuroprotektive Effekte bei cerebraler Ischämie zugesprochen, die vermutlich auf  Wechselwirkungen mit Opioid-Rezeptoren vom Sigma-Typ beruhen. Zudem wirkt es antagonistisch am NMDA-Rezeptor. Nach oraler Einnahme wird die Substanz rasch resorbiert und in der Leber umgewandelt. Der Hauptmetabolit Dextrophan wirkt stark hustendämpfend. DXM wirkt nicht analgetisch.

 

Zur Hustenstillung werden täglich drei- bis viermal 30 mg DXM empfohlen. In dieser Dosierung ist die sedierende Wirkung nur schwach ausgeprägt. Der Weg vom Arzneimittel zur psychotropen Substanz ist dosisabhängig. Sowohl die für den Rausch als auch für eine Überdosierung nötige Menge ist individuell sehr unterschiedlich, was auf genetischen Faktoren beruhen könnte.

 

Nach oraler Einnahme tritt die Wirkung rasch ein. Der Rausch hält bis zu sechs Stunden an. Bei Überdosierung im Rahmen eines Missbrauchs kommt es zu unerwünschten Effekten wie Somnolenz, Verwirrtheit, unkoordinierten Bewegungen, Agitation, Tachykardie und Mydriasis. In schweren Fällen können zusätzlich eine hypertone Krise, Krämpfe, Koma, Muskelschäden und Psychosen auftreten.

 

Zudem tritt DMX mit zahlreichen zentralwirksamen Stoffen in Wechselwirkung. So verstärken Alkohol oder die gleichzeitige Einnahme von Antihistaminika die Wirkung; die gemeinsame Gabe mit MAO-Hemmern kann ein serotonerges Syndrom auslösen.

 

Diphenhydramin und Doxylamin

 

H1-Antihistaminika der älteren Generation wie Diphenhydramin und Doxylamin erfreuen sich in der Drogenszene ebenfalls großer Beliebtheit. Sie besitzen eine nahezu chamäleonartige Wirk- und Indikationsbreite und werden als Antihistaminikum, Sedativum, Antivertiginosum und Antitussivum eingesetzt. Ihre therapeutische Breite ist sehr gering. Die toxische Dosis beträgt bei Kindern 2 mg/kg Körpergewicht (KG), bei Erwachsenen 15mg/kg KG.

 

Beide Antihistaminika wirken als reversible und inverse Antagonisten an zentralen H1-Rezeptoren im limbischen System, im Hypothalamus und in der Formatio reticularis. Dabei verdrängen sie Histamin nicht kompetitiv von seinem Rezeptor - vielmehr handelt es sich beim H1-Rezeptor um eine G-Protein-gekoppelte Bindungsstelle, die durch Antihistaminika in die inaktive Form überführt wird und somit nicht mehr auf Histamin anspricht. Nach Einnahme einer toxischen Dosis treten Vergiftungserscheinungen nach einer bis achtzehn Stunden ein.

 

Diphenhydramin besitzt, besonders bei Überdosierung, ausgeprägte anticholinerge Eigenschaften. Es kommt zur Ausbildung eines anticholinergen Syndroms. Bei Dauergebrauch kann es zu Nierenschäden kommen. Nicht selten werden die Antihistaminika auch mit Dextrometorphan kombiniert. Der Trip soll besonders bewusst wahrgenommen werden und lange Zeit im Gedächtnis bleiben.

 

Bei Überdosierung kann sich ein anticholinerges Syndrom ausbilden. Dieses Krankheitsbild ist ein schwerer, lebensbedrohlicher Notfall. Alle Organsysteme und Funktionen, in die Acetylcholin als Transmitter eingebunden ist, werden gestört. Das Bild ähnelt einer Vergiftung mit Nachtschattengewächsen. Auch diese wirken parasympatholytisch. Typische Anzeichen sind Unruhe, Erregungszustände, Halluzinationen, Miktionsstörungen, Tachykardie, Pupillenerweiterung und trockene Schleimhäute.

 

Methylphenidat als Ersatz-Speed

 

In Drogenkreisen wird Methylphenidat (Ritalin®) als »Ersatz-Speed« gehandelt. Zur Verwendung als Rauschdroge werden die Tabletten zumeist oral eingenommen oder auch pulverisiert durch die Nase geschnieft. Einige Abhängige lösen sie in Wasser auf und spritzen sie sich. Typisch für einen Amphetaminmissbrauch sind Schlafstörungen, Gereiztheit, Erregungszustände, Appetitmangel und Schwindelgefühl. Oft weisen die Konsumenten starke Persönlichkeitsveränderungen auf. Körperliche Symptome sind Tremor, Kopfschmerzen, Durchfall und Tachykardie. Der Hersteller warnt im Beipackzettel vor einem »psychischen Abhängigkeitspotenzial bei nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch«.

 

Methylphenidat wird rasch und vollständig resorbiert. Die Bindung an Plasmaproteine ist mit 10 bis 33 Prozent relativ gering. Die Wirkdauer liegt zwischen einer und vier Stunden. Bei oraler oder intravenöser Applikation wird der Transportmechanismus des Neurotransmitters Dopamin blockiert, wodurch dessen Konzentration im Gehirn ansteigt. Wie alle Amphetamine wirkt auch Methylphenidat als potentes α-Sympathomimetikum. Bei parenteraler Injektion kommt es zu einer starken Vasokonstriktion mit nachfolgender Nekrose, die letztendlich sogar zum Verlust von Extremitäten führen kann.

 

K.o. durch Gammahydroxybutyrat

 

Ende der 1960er-Jahre wurde Gammahydroxybutyrat (GHB) als Narkose- und Schlafmittel eingesetzt. Es wurde jedoch wegen schwerer Nebenwirkungen bald wieder vom Markt vorgenommen. GHB ist ein natürlicher, mit Dopamin verwandter Neurotransmitter, der im Gehirn unter anderem den Wach- und Schlafzustand steuert. Zehn in Deutschland beschlagnahmte GHB-Labore lassen darauf schließen, dass die Droge an Bedeutung gewinnt.

 

Der Rausch beginnt mit einem entspannenden Gefühl. Einige Konsumenten beschreiben einen euphorischen Zustand, der mit dem Empfinden nach Haschischkonsum vergleichbar ist. Andere Benutzer empfinden die Wirkung einer Kombination von Ecstasy und LSD ähnlich. Möglich sind Verschiebungen im Erleben der Wahrnehmung und intensiveres Erleben von Musik. In Dosierungen von 1 bis 2 g kann ein sexuell stimulierender Effekt eintreten. Auch Sprachstörungen und Benommenheit sind dokumentiert. Neben seiner sedierenden Wirkung kann GHB unter anderem zu Hypotonie, Hyperthermie, Atemlähmung und Verwirrtheit führen.

 

Modafinil zur Leistungssteigerung

 

Die meisten Drogen fördern die Freisetzung oder hemmen den Abbau körpereigener Substanzen. Ganz anders hingegen wirkt Modafinil (2-Diphenyl-methylsulfinyl-acetamid). Unter dem Namen Vigil® oder Provigil® wird die Substanz gegen Narkolepsie eingesetzt. Anders als Amphetamine agiert sie nicht im Noradrenalin-, Serotonin- oder Dopaminsystem, sondern hemmt die Freisetzung von Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Zusätzlich ist eine hemmende Wirkung im Histaminsystem wahrscheinlich. Die Substanz normalisiert die Schlaf-Wach-Balance, ohne dass es zu einer zentralen Erregung kommt. Drei Tage ohne Schlaf und hang-over sind dadurch möglich.

 

Die Zielgruppe von Modafinil sind nicht Anwender, die eine Alternative zu Ecstasy oder Cocain suchen. Vielmehr wird die leistungssteigernde Wirkung von Sportlern als Dopingmittel geschätzt. Auch gut verdienende Manager steigern damit ihr Leistungsvermögen. Der Hersteller Cephalon erhielt von der US-Zulassungsbehörde für Arzneimittel (FDA) wegen seiner aggressiven und irreführenden Werbekampagne für sein Präparat einen Verweis und ordnete eine Rücknahme des Werbematerials an, da die eigentliche Indikation Narkolepsie nur im Kleingedruckten erwähnt wurde.

 

Klinische Studien bestätigen, dass Modafinil auch als unterstützende Behandlung die Müdigkeit von Patienten mit Multipler Sklerose und die Antriebsschwäche von depressiven Menschen lindert. Gibt man ADHS-Kindern täglich eine Dosis von 300 mg Modafinil, bessern sich die Symptome der Krankheit merklich.

 

Im Gegensatz zu den USA ist Modafinil in Deutschland als Betäubungsmittel eingestuft. Im Internet sind diese Vorschriften jedoch ein Fremdwort. Ein Mausklick genügt, und unter Namen wie BrainQuicken oder Attentive Child wird Modafinil nach Hause geliefert. Vom Postboten ­ bequem, schnell, illegal. Eine »Straßendroge« wird der Wachmacher vermutlich nicht werden. Der Preis ist zu hoch, es fehlt der Kick beim Anfluten und der Wirkungseintritt lässt lange auf sich warten. Die Toxizität ist gering, die sozialen Folgen, die die Substanz auf Manager, Schichtarbeiter und Soldaten haben könnte, sind noch nicht vorhersehbar.

 

Auch Hilfsstoffe schädigen Gefäße

 

Ein Aspekt, der bei der Betrachtung von Medikamentenmissbrauch selten beleuchtet wird, ist die zusätzliche Gefahr, die bei unsachgemäßem Gebrauch von den Hilfsstoffen ausgeht. So legte zum Beispiel das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen im Jahr 2004 einen Bericht über die Schädlichkeit von Talkum bei intravenöser Applikation vor. Weitere unlösliche Hilfsstoffe in Arzneimitteln sind zum Beispiel Stärke, mikrokristalline Cellulose, Magnesiumstearat, Crospovidon und Siliciumoxid. Bei oraler Einnahme sind sie vollkommen ungefährlich. Die missbräuchliche intravenöse Verwendung kann jedoch zu erheblichen Schäden führen. So können durch Crospovidone und mikrokristalline Cellulose Entzündungen, Fremdkörper-Granulomen und Veränderungen in der Lunge entstehen und die Injektion von Talkum kann zu irreversiblen Lungenschäden wie Lungentalkose führen.

 

Letztere wurde bei Personen verschiedener Berufsgruppen nachgewiesen und entsteht bei Inhalation von talkhaltigem Staub über einen längeren Zeitraum oder in sehr hoher Konzentration. In den 1960er-Jahren wurde erstmalig von Drogenkonsumenten berichtet, die nach Spritzen von talkumhaltigen Tabletten an Lungentalkose erkrankten. Dabei injizierten sie die mit Talkpartikeln verunreinigten Arzneimittel sowohl peripher als auch venös. Eine intraarterielle Injektion führt zum Verschluss der kleinen Blutgefäße und Kapillaren. Die Folge ist eine Ischämie mit nachfolgender Nekrose in Teilen der Extremitäten oder anderer Organe. Häufiger wird intravenös injiziert. Das kann zu Fremdkörper-Granulomen in der Lunge, Leber, Nieren und Netzhaut führen.

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