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Sexuelle Gewalt

Täter meist nicht psychisch krank

02.01.2017
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Von Annette Mende, Berlin / Sexualstraftaten erregen Abscheu, und die Täter werden von vielen Menschen als »krank« angesehen. Aus psychiatrischer Sicht stimmt diese Einschätzung aber nur selten, denn sexuelle Gewalt wird meist von psychisch gesunden – und damit schuldfähigen – Personen begangen.

»Natürlich möchte die Bevölkerung nach Sexualdelikten wissen, wie es dazu gekommen ist. Doch die These des psychisch kranken Sexualstraftäters greift zu kurz und steht auch für ein falsches Bild von Menschen mit psychischen Erkrankungen«, sagte Dr. Nahlah Saimeh, Ärztliche Direktorin des LWL-Zentrums für Forensische Psychiatrie in Lippstadt, beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin.

 

Sexualstraftäter seien eine sehr hetero­gene Personengruppe, betonte Saimeh. Bei der Beurteilung eines Täters gelte es zunächst zu klären, ob er paraphil sei, seine sexuelle Präferenz also von der empirischen Norm abweicht. Handelt es sich um einen paraphilen Täter, beispielsweise einen Pädophilen, müsse weiter differenziert werden: Ist die Paraphilie eine Hauptströmung, die sexuelle Präferenz also ausschließlich auf Kinder gerichtet, oder eine Nebenströmung, bei der der Täter zwischen normalem und abweichendem Verhalten switchen kann? »Eine Schuldfähigkeitsminderung ist nur dann denkbar, wenn die Paraphilie eine Hauptströmung ist«, sagte Saimeh.

 

Gestörte Impulskontrolle

 

Diese Unterscheidung ist wichtig, denn längst nicht alle Sexualstraftäter seien paraphil. »Ein Mann, der sich einmalig an der Tochter seiner neuen Lebens­gefährtin vergeht, tut das, wenn er erwischt und bestraft wird, höchstwahrscheinlich nicht noch einmal«, so die Psychiaterin. In solchen Fällen spiele eher eine Störung der Impulskontrolle eine Rolle – die Täter können in einer tatbegünstigenden Situation aggressive und sexuelle Impulse nicht unterdrücken.

 

Von solchen Situationstätern abzugrenzen seien Personen, bei denen die Gründe für die sexuelle Gewalt in ihrer Persönlichkeit liegen. Sie schaffen sich die Situationen, in denen sie solche Taten begehen, aktiv selbst, sind emotional instabil und chronisch gewalt­bereit – nicht nur im sexuellen Kontext. »Die Tätertypologie ist bei der Ausrichtung der rückfallpräventiven Therapie entscheidend«, so Saimeh. Deren Basis bilde die Psychotherapie.

 

»Bei dissozialen Vergewaltigern, die häufig auch mit anderen Delikten auffällig wurden, geht es meist um das Training prosozialer Verhaltensweisen«, erklärte Professor Dr. Hans-Ludwig Kröber, Leiter des Instituts für Forensische Psychiatrie der Berliner Charité. Ins­gesamt betrage die Rückfälligkeit von Sexualstraftätern 20 Prozent, von Gelegenheitstätern 10 Prozent. Bei Kern­pädophilen liege sie deutlich höher, nämlich über 50 Prozent. »In dieser Gruppe ist oft nur mit einer antiandrogenen Pharmakotherapie ein Erlöschen der Tatbereitschaft zu erreichen.« Auch Kröber unterstrich, dass die überwiegende Mehrheit der Sexualstraftäter, nämlich etwa 97 Prozent, voll schuldfähig ist und daher eine Freiheitsstrafe von zumeist zwei bis fünf Jahren erhält.

 

Sehen Richter einen Straftäter aufgrund einer psychiatrischen Störung als vermindert schuldfähig an, können sie gemäß § 63 Strafgesetzbuch eine Unterbringung im psychiatrischen Maßregelvollzug anordnen. »Diese dauert meist länger, als wenn eine Gefängnisstrafe ausgesprochen worden wäre«, sagte Kröber. Eine Entlassung solle nur erfolgen, wenn zu erwarten sei, dass der Patient keine erheblichen Straftaten mehr begehen wird.

 

Sex und digitale Medien

 

Sex und auch sexuelle Gewalt sind im Zeitalter des Internets deutlich präsenter als früher. Hat das zu einem Anstieg von Sexualdelikten geführt? Professor Dr. Peer Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, verneinte diese Frage. »Wir erleben gegenwärtig keine allgemeine sexuelle Verwahrlosung.« Bestimmte Formen gewalttätiger Pornografie, die via Internet heute sehr leicht zugänglich seien, könnten aber bei vulnerablen Gruppen die sexuelle Gewaltbereitschaft erhöhen. Nicht nur Psychiater, sondern auch Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern und gesellschaftliche Institutionen müssten sich mit dem Thema Sexualität und digitale Medien daher besonders intensiv auseinandersetzen. /

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