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Prokrastination

Aufschieben kann lähmen – aber auch helfen

Aufschieberitis oder auch Studentensyndrom sind umgangssprachliche Begriffe für das Phänomen der Prokrastination: Ein Aufschieben unangenehmer Pflichten bis zum Äußersten. Warum tut man das? Und lässt sich dem auch etwas Positives abgewinnen?
Annette Rößler
22.12.2022  09:00 Uhr

»Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.« Es gibt wohl niemanden auf der Welt, der diese Weisheit stets berücksichtigt. Wie sonst könnte man es erklären, dass dieser Tage die Geschäfte voller Menschen sind, die auf den letzten Drücker noch die Weihnachtsgeschenke für ihre Liebsten besorgen? Weihnachten ist schließlich jedes Jahr am 24. Dezember.

Die Erfüllung ungeliebter Pflichten so lange aufzuschieben, bis es gar nicht mehr anders geht, nennt man Prokrastination. Menschen, die das tun, wissen sehr wohl, dass ihr Verhalten ungünstige Konsequenzen haben kann, aber sie sind außerstande, die vernünftigere Entscheidung zu treffen, nämlich gleich aktiv zu werden, statt erst einmal sehr lange nichts zu tun. Was dabei in ihrem Kopf vor sich geht, erklärte der Blogger und »Meister-Prokrastinierer« Tim Urban 2016 in einem TED-Talk:

Laut Professor Dr. Pragya Agarwal, Verhaltensforscherin an der Loughborough University in Großbritannien, sind es vor allem zwei psychologische Phänomene, die Menschen prokrastinieren lassen: die sogenannte Gegenwarts-Verzerrung (present bias) und die Status-quo-Verzerrung.

Wie Agarwal auf der Plattform »The Conversation« ausführt, tendieren Menschen dazu, bei der Abwägung von zwei Ereignissen, die sich in der Zukunft abspielen werden, dasjenige stärker zu gewichten, das früher eintritt. Demnach ist es der Gegenwarts-Verzerrung geschuldet, dass man wider besseres Wissen einen weiteren Schokokeks isst, weil er gut schmeckt (was man unmittelbar genießen kann), statt darauf zu verzichten, um nicht zuzunehmen (was erst zeitverzögert eintritt). Auch das ist gerade in der Weihnachtszeit gut zu wissen.

Die Status-quo-Verzerrung lässt Menschen Handlungen vermeiden, die eine Veränderung der Ausgangslage bedeuten würden. Dahinter stecke nicht nur die Aversion gegen eine (kognitive) Anstrengung, sondern auch die Furcht vor einem Verlust, wie Agarwal ausführt. Denn den Schmerz über einen Verlust empfänden Menschen doppelt so stark wie die Freude über einen Gewinn in derselben Höhe, etwa wenn es um Geldbeträge geht. Aktiv zu werden, sei stets auch mit dem Risiko des Scheiterns verbunden, was man als Verlust bezeichnen kann. Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, etwa Offenheit und Neugier, aber auch ein starkes Pflichtbewusstsein, machten Menschen weniger anfällig für die Status-quo-Verzerrung.

Die hat aber nun mal nicht jeder. Insofern ist es beruhigend, dass Agarwal auch Argumente anführt, warum es nicht immer schlecht sein muss, Aufgaben aufzuschieben. Auf diese Weise habe man mehr Zeit, darüber nachzudenken und etwaige Unsicherheiten gedanklich durchzugehen. So könne man mit schwierigen Emotionen besser umgehen. Scham und Schuldgefühle hälfen dem Prokrastinierer nicht weiter, sondern machten es im Gegenteil sogar noch wahrscheinlicher, dass er künftige Aufgaben wieder auf die lange Bank schiebe. Stattdessen solle man sich selbst verzeihen, wenn man prokrastiniert habe. Das ist eine schöne Botschaft – nicht nur zur Weihnachtszeit.

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