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HELIATAR

Auf der Suche nach dem Breitband-Virostatikum

Im Mittelpunkt eines neuen hessischen Forschungsprojekts steht ein menschliches Enzym, das ein mögliches Ziel für breit antiviral wirksame Substanzen sein könnte. Danach wird nun gesucht – und als erstes an Coronavirus-infizierten Zellen getestet.
PZ
25.08.2020  08:00 Uhr

Gegen Viruserkrankungen haben wir pharmazeutisch betrachtet bislang wenig in der Hand. »Durch das Auftreten unbekannter Viren, wie aktuell dem Coronavirus SARS-CoV-2, sowie der Entwicklung von Resistenzen in bekannten Viren ist es dringend erforderlich, neue Medikamente zu entwickeln, die gegen eine möglichst große Anzahl verschiedener Viren wirken«, heißt es zum Start des neuen Forschungsprojekts HELIATAR.

An dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit einer Million Euro geförderten Projekts sind zwei Teams aus der Marburger Pharmazie unter Leitung von Professor Dr. Arnold Grünweller, der den Verbund koordiniert, und Professor Dr. Andreas Heine sowie aus Gießen die Arbeitsgruppe des Virologen Professor Dr. John Ziebuhr und ein Team um Dr. Susanne Schiffmann vom Fraunhofer Institut Frankfurt (IME) beteiligt. Am 20. August fand das Eröffnungstreffen des HELIATAR-Konsortiums statt. Ziel ist eine Validierung der RNA-Helikase eIF4A als antivirales Breitband-Target, daher der Name. Dabei soll die Helikase als Angriffspunkt für antivirale Wirkstoffe genauer untersucht werden. Viele Viren brauchen das Enzym ihrer Wirtszellen für ihre Proteinsynthese. RNA-Helikasen lösen die Basenpaarung von doppelten RNA-Strängen auf. Die Hemmung von eIF4A soll effizient die Virusanzahl in infizierten Zellen reduzieren, hoffen die Forscher.

Sobald sie das Ziel genauer kennen, wollen sie auch passende Wirkstoffe finden. Da diese sich nicht gegen ein virusspezifisches Target, sondern ein universelles Enzym der Wirtszelle richten, wären sie theoretisch gegen alle Viren wirksam, die für ihre Vermehrung auf eIF4A angewiesen sind. Es wären echte Breitband-Virostatika. »Inhibitoren solcher Enzyme haben den Vorteil einer breiten Wirksamkeit und ein geringes Risiko der viralen Resistenzentwicklung«, so die Hoffnung.

In den kommenden zwei Jahren sollen nun die zellulären Effekte einer Hemmung von eIF4A durch bereits bekannte Inhibitoren in Coronavirus-infizierten Zellen global untersucht, die Auswirkungen auf humane Immunzellen analysiert, eine mögliche Resistenzentwicklung überprüft sowie neuartige eIF4A-Inhibitoren identifiziert werden.

Parallel läuft an der Uni Marburg das Projekt HELIACOR (Die RNA-Helikase eIF4A als Zielstruktur zur Entwicklung neuer antiviraler Wirkstoffe gegen Coronaviren) in der Arbeitgruppe von Professor Dr. Martin Schlitzer am Institut für Pharmazeutische Chemie. Hier wird gezielt nach eIFA4-Inhibitoren gesucht, die Coronaviren schachmatt setzen sollen.

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