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Coronaviren
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Arzneimittel und Impfstoffe gesucht

An Medikamenten und Impfstoffen gegen das neue Coronavirus wird weltweit fieberhaft gearbeitet. Unter den Kandidaten sind altbekannte Wirkstoffe, aber auch neue Technologien kommen zum Einsatz. Die Forscher bauen dabei auf den Erkenntnissen zu SARS und MERS auf.
AutorDaniela Hüttemann
AutorSven Siebenand
Datum 06.02.2020  14:00 Uhr

Hilft ein Bandwurmmittel?

Einen gänzlich anderen Ansatz verfolgen Forscher des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) an der Berliner Charité, der Uniklinik Bonn und dem Max-Planck-Institut für Psychia­trie in München. Sie stellen im Fachjournal »Nature Communications« aktuell Autophagie-fördernde Wirkstoffe vor (DOI: 10.1038/s41467-019-13659-4). Als Autophagie bezeichnet man einen Prozess, den Zellen nutzen, um beschädigtes Material und Abfallprodukte abzubauen. Auch Bestandteile von Krankheitserregern werden darüber entsorgt. Mittlerweile haben aber einige Viren Strategien entwickelt, um dieser »Müllabfuhr« zu entkommen.

In ihren Untersuchungen konnten die Wissenschaftler zeigen, dass der Autophagie-Prozess in MERS-CoV-infizierten Zellen gestört ist. Sie entdeckten zudem einen bisher unbekannten molekularen Schalter, der für den Ablauf der Autophagie wichtig ist: das Protein SKP2 (S-Phase-Kinase-assoziiertes Protein 2). Dem MERS-Virus gelingt es, diesen Schalter zu aktivieren, drosselt damit die Recycling-Maschinerie und entgeht so dem eigenen Abbau.

Daher behandelten die Forscher MERS-CoV-infizierte Zellen mit verschiedenen SKP2-Hemmern, um den Entsorgungsprozess wieder anzukurbeln. Dies war erfolgreich: Die Vermehrung des Virus wurde sehr deutlich reduziert. Positiv ist, dass sich unter den getesteten SKP2-Inhibitoren auch bereits zugelassene Wirkstoffe befinden, zum Beispiel das Bandwurmmittel Niclosamid. Auch dieser Wirkstoff war bei den Versuchen in der Lage, die Vermehrung des MERS-Erregers in den Zellen deutlich zu verringern. Die Forscher wollen nun prüfen, ob die Mittel auch gegen 2019-nCoV aktiv sind. »Für den Einsatz von SKP2-Hemmern als Medikamente fehlen allerdings noch Tests im Organismus«, schränkt Privatdozent Dr. Marcel Müller ein. Außerdem sei eine klare Risiko-Nutzen-Abwägung nötig, da auch bereits zugelassene Medikamente Nebenwirkungen haben können.

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