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Umweltbelastung

Arzneimittel in Flüssen aller Kontinente gefunden

Forschende haben mehr als 250 Flüsse aller Kontinente auf Arzneimittelbelastung untersucht und sind in nahezu allen fündig geworden. Die am häufigsten nachgewiesenen Wirkstoffe waren Carbamazepin, Metformin und Koffein.
Carolin Lang
21.02.2022  11:00 Uhr
Arzneimittel in Flüssen aller Kontinente gefunden

Arzneistoffe können sowohl bei der Herstellung als auch bei der Verwendung und Entsorgung in die Umwelt gelangen. Dies kann sich schädlich auf Ökosysteme und die Gesundheit der Menschen auswirken, zum Beispiel durch die Verweiblichung von Fischen oder die Selektion antibiotikaresistenter Bakterien. Wie groß die Belastung weltweit ist, untersuchte nun eine Arbeitsgruppe um Erstautor Dr. John L. Wilkinson von der Universität York, England. Die Ergebnisse der globalen Studie erschienen kürzlich im Fachjournal »Proceedings of the National Academy of Science«.

Das Team entnahm an 1052 Stellen entlang von 258 Flüssen in 104 Ländern aller Kontinente Proben des Oberflächenwassers und untersuchte diese auf 61 pharmazeutische Substanzen. Dies repräsentiere den pharmazeutischen Fingerabdruck von 471,4 Millionen Menschen, schreiben die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Mit Ausnahme von Island und einem Dorf in Venezuela wiesen sie in allen Flüssen mindestens einen Arzneistoff nach. An etwa einem Viertel (25,7 Prozent) der Probeentnahmestellen lag die Arzneistoffkonzentration über der Schwelle, die als unbedenklich für Wasserorganismen gilt.

Die höchsten kumulativen Konzentrationen wurden in Afrika südlich der Sahara sowie in Südasien und Südamerika detektiert. Die am stärksten belasteten Proben aus Europa stammten aus Madrid. In Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen war der Verschmutzungsgrad tendenziell am höchsten. Die Autoren und Autorinnen spekulieren, dass Länder mit niedrigem bis mittlerem Einkommen in der Regel über eine geringe Abwasserinfrastruktur verfügen, während sie im Vergleich zu Ländern mit niedrigem Einkommen tendenziell einen besseren Zugang zu einer größeren Anzahl von Arzneimitteln haben.

Paracetamol fließt um die Welt

Insgesamt am häufigsten wurden die Arzneistoffe Carbamazepin, Metformin und Koffein nachgewiesen. Letzteres könne allerdings auch aus Lebensmitteln stammen, betonen die Autoren. Substanzen aus »Lifestyle Produkten« und OTC-Mitteln waren am weitesten verbreitet: Koffein, Nikotin, Paracetamol und Cotinin als Nikotin-Metabolit wurden auf allen Kontinenten detektiert.

Beobachtungen des Probeentnahmeteams vor Ort zeigten, dass die höchsten Arzneistoffkonzentrationen unter anderem an Messstellen auftraten, die Einträge aus der pharmazeutischen Produktion erhielten, an denen unbehandelte Abwässer eingeleitet wurden oder die durch besonders trockenes Klima gekennzeichnet waren. Die Standorte mit den niedrigsten Konzentrationen waren mitunter durch begrenzten anthropogenen Einfluss, begrenzten Einsatz moderner Medizin oder durch eine hochentwickelte Abwasseraufbereitung gekennzeichnet.

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