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Trendforschung

Anders leben nach Corona?

Wundern werden wir uns darüber, dass die Wirtschaft trotz anderer Prognosen nie an einen Nullpunkt kam. Fast so, als wäre »Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann«. Überholt haben wird sich allerdings die globale Produktion mit ihren riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten. Statt Just-in-Time-Produktion wird es wieder mehr Zwischenlager, Depots und Reserven geben. »Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung Glokalisierung: Lokalisierung des Globalen«, schreibt Horx. Im Nach-Corona-Alltag rücken ihm zufolge auch Themen wie Vermögen und Vermögensverluste stärker als jetzt in den Hintergrund. Wichtiger werden dann gute Nachbarn sein.

Neue Glaubwürdigkeit und Legitimität wird die Politik erfahren haben. Gerade weil sie während der Krise so autoritär handeln musste, habe sie Vertrauen geschaffen. Auch die Wissenschaft wird als Gewinner aus der Krise hervorgegangen sein: Virologen und Epidemiologen sind heute Medienstars. Und die Stimmen von Philosophen, Soziologen, Psychologen und Anthropologen, die vorher eher am Rand der polarisierten Debatten standen, hätten an Bedeutung zugenommen.

Bruch mit Routinen

Horx geht davon aus, dass das Virus unser Leben in eine neue Richtung verändern wird. Er spricht von einem Zukunftssprung, der durch Coping, also unsere erworbenen Bewältigungsstrategien, gelungen ist. »Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft.« Neurobiologisch werde dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt. Während uns das Hormon Adrenalin auf Flucht oder Kampf vorbereite, öffne Dopamin unsere Hirnsynapsen und fördere Neugier und Tatendrang. Ein Wandel beginnt demnach, wenn sich das Muster von Erwartungen und Wahrnehmungen ohne Angst verändert. Dabei sei es manchmal gerade der Bruch mit Routinen, der »unseren Zukunftssinn wieder freisetzt« und die Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch besser.

Die Unterbrechung der Konnektivität durch Grenzschließung, Separation, Abschottung oder Quarantäne beendet mit Blick auf die Zukunft nicht die globalen Verbindungen, sondern organisiert diese neu, ist Horx sicher. »Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten.« Eine neue Balance zwischen Autonomie und Abhängigkeit werde die Welt komplexer und zugleich stabiler machen. Weil das eine scheitert, setzt sich das Überlebensfähige durch – wie in einem unsichtbaren evolutionären Prozess.

Zuletzt weist Horx darauf hin, dass jede tiefe Krise eine sogenannte Story hinterlässt, etwa die musizierenden Italiener auf den Balkonen oder Satellitenbilder, die die riesigen Industriegebiete Chinas frei von Smog zeigen. Erstmals wird 2020 der CO2-Ausstoß fallen.

Die weltweite Krise durch das Coronavirus zeige etwas sehr deutlich, so der Trendforscher: »Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.« 

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