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Virologin Ciesek beim PZ-Livetalk
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»Am Ende zählt nicht, wer impft«

Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek plädiert für Apotheken als niedrigschwellige Zugangsorte für das Impfen. Im Prinzip zähle dabei nur der vergleichbare Standard, so Ciesek beim PZ-Livetalk »Alex’ Doppelte Dosis«. Sie verriet zudem, warum sie Medizinerin geworden und nicht beim Bundesnachrichtendienst gelandet ist.
AutorKontaktCornelia Dölger
Datum 14.04.2026  13:00 Uhr

Runde Nummer zwei von »Alex’ Doppelte Dosis«, diesmal in Frankfurt am Main. Zu Gast beim PZ-Livetalk: die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek, die seit der Coronapandemie zu den bekanntesten Vertreterinnen ihrer Zunft zählt. Ciesek gilt als Mittlerin zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit – im preisgekrönten Podcast »Coronavirus-Update« des NDR erklärten sie und ihr Fachkollege Christian Drosten einem breiten Publikum Hintergründe und neue Entwicklungen während der Pandemie.

Ciesek ist seit 2019 Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Frankfurter Universitätsklinikum sowie Professorin für Medizinische Virologie an der Goethe-Universität. In dem vom Apothekendienstleister Noventi unterstützten Format im Kunstverein Familie Montez am Frankfurter Mainufer schilderte sie, wie sie die Pandemie erlebte und welche Lehren daraus gezogen wurden – und gezogen werden sollten.

Dabei hat sie stets die Patientinnen und Patienten im Blick – als Internistin und Gastroenterologin forschte  sie zu viralen Lebererkrankungen, insbesondere zu Hepatitis C. Ihr regelmäßiger Kontakt mit Lebertransplantierten, also auch mit Viren, die die Leber infizierten, ebnete ihren Weg in die Grundlagenforschung.

Wuhan-Rückkehrer am Flughafen getestet

Dass sie am Vorabend der Coronapandemie ihre W3-Professur und Direktionsleitung in Frankfurt antrat, warf sie unmittelbar ins Pandemiegeschehen. Zumindest habe ihr das sehr geholfen, alle Mitarbeitenden im Institut schnell kennenzulernen; dies brauche im Normalfall Monate.

Und Ciesek hatte auch sehr früh Kontakt zu Patienten, als sie im Februar 2020 am Frankfurter Flughafen Wuhan-Rückkehrer testete. Rachenabstriche mit PCR-Tests reichten, anders als bei der SARS-CoV-1-Pandemie im Jahr 2003, aus. Zwei Getestete waren positiv – allerdings nicht diejenigen, die zuvor Symptome gezeigt hatten. »Da war klar, es ist im oberen Rachen, also leicht übertragbar«, so Ciesek. »Und es vermehrt sich leicht und wir haben es nicht erkannt.«

Wie also handeln? Mit dem damaligen hessischen Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) war es Ciesek zufolge gut darstellbar, den sich ständig erneuernden Wissensstand mit dem Politikbetrieb zu vereinen. Klose habe sich stets wissenschaftlich beraten lassen und gezeigt, dass er die Entwicklungen verstehen wolle.

Immerzu neue Erkenntnisse

Das könne schwierig sein, hakte PZ-Chefredakteur Alexander Müller nach, denn Wissenschaft und Politik funktionierten nach grundverschiedenen Logiken. Ciesek stimmte zu: Während sich die Wissenschaft ständig hinterfrage, setze die Politik auf starke Aussagen. Auf die ständig neuen Wissenschaftserkenntnisse habe die Politik mit Verordnungen gar nicht schnell genug reagieren können, zumal Maßnahmen regelmäßig beklagt wurden. In Hessen habe die Politik die Menschen aber stets im Blick gehabt, lobte Ciesek.

Als bekannteste Virologin in Deutschland hat sie während der Coronapandemie gelernt, Wissenschaft, Politik und Medien zu verbinden – was nicht immer einfach war. Sie sei zunächst »ziemlich naiv« gewesen. Anfeindungen blieben nicht aus. Sie habe sich gewundert, wer sich alles für sie interessiere, sei mit der Zeit vorsichtiger und zurückhaltender geworden, auch im Privaten, habe etwa eine Abfragesperre für ihre Wohnortdaten einrichten lassen.

Lehren aus der Pandemie gezogen?

Ob man in Deutschland aus der Pandemie gelernt habe? »Ja und nein«, meint die Virologin. Es seien durchaus Strukturen entstanden, die die Resilienz stärken, etwa gebe es in Hessen einen  Laborverbund an Unikliniken, die im Falle einer Pandemie Tests entwickeln und schnell ausrollen könnten. Das Problem sei, dass solche Projekte politisch oftmals nur für die aktuelle Wahlperiode relevant seien, aber wenig Interesse an langfristigen Strukturen bestehe. »Aber die brauchen wir.« 

Dass in Deutschland so schnell ein mRNA-Impfstoff entwickelt wurde, sei ein »Gamechanger« gewesen, so Ciesek rückblickend. Dies habe gezeigt, wie wichtig Grundlagenforschung sei, der Prozess hatte immerhin eine lange Vorgeschichte vor der Pandemie.

Anders als oft wahrgenommen, ist das Vertrauen in die Wissenschaft aus Cieseks Sicht in den vergangenen Jahren nicht nennenswert zurückgegangen. Nur: Diejenigen, die Zweifel anmeldeten, seien eben sehr laut. Anders als in den USA sei die Politik in Deutschland – noch – nicht wissenschaftsfeindlich, die Aufklärungsstrukturen, etwa auch durch die Ständige Impfkommission (STIKO), seien hierzulande zudem effizienter. Ciesek ist seit Januar 2025 selbst STIKO-Mitglied.

Gemeinsames Ziel: Impfraten steigern

Das Stichwort Aufklärung gab Moderator Alexander Müller Gelegenheit, nach der Rolle der Apotheken zu fragen. Sie habe durch den Podcast die Erfahrung gemacht, so Ciesek, dass die Menschen »einem wahnsinnig vertrauen«. Nicht anders sei dies bei den Apotheken. Man vertraue dem Personal in der Offizin. »Das kann man nutzen«, so Ciesek, etwa indem man Hintergründe erkläre oder Falschinformationen korrigiere, in einem 1:1-Gespräch auf die Menschen direkt eingehe. »Ich denke, dass Apotheken da eine große Funktion erfüllen können.«

Und so begrüßt Ciesek auch den Plan der Bundesregierung, dass die Impfmöglichkeiten in Apotheken auf alle Totimpfstoffe ausgeweitet werden sollen. Sie sehe da kein Problem. Das gemeinsame Ziel sei, die Impfquoten zu steigern. »Da sind die Apotheken perfekt ausgestattet.« Ciesek: »Am Ende zählt nicht, wer impft, sondern dass der Standard gleich ist.«

Skeptisch sei sie allerdings bei Lebendimpfstoffen, etwa weil dort mehr Kontraindikationen zu beachten seien. Alter, Vorerkrankungen, andere Therapien – sie habe selbst einmal die Erfahrung gemacht, dass ein Reisewilliger seine Chemotherapie bewusst verschwiegen habe, um an eine Gelbfieberimpfung zu kommen. Nur eine Rückfrage beim Arzt habe am Ende verhindert, dass die Impfung tatsächlich verabreicht wurde. Bei Lebendimpfsfstoffen sei oftmals eine solche Recherche geboten. Ob dafür die Kapazitäten in Apotheken ausreichen, könne sie nicht einschätzen.

Genetik-Klausur doppelt korrigiert

Der PZ-Livetalk »Alex’ Doppelte Dosis« fragt auch nach Persönlichem – bei der Premiere in Berlin hatte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) im Januar verraten, dass sie Nirvana mag und gern Sportjournalistin geworden wäre. Ciesek verriet in Frankfurt, dass sie als Schülerin – Bio- und Latein-Leistungskurs – gerne mal die korrigierten Genetik-Klausuren ihrerseits in einer anderen Farbe zurückkorrigierte. »Ich glaube, die Lehrer haben mich gehasst.«

Ob sie schon früh wusste, dass sie Virologin werden will? »Nein.« Die Eltern plädierten für eine Banklehre – »etwas Anständiges«. Ein Berufsberatungstest habe ausgespuckt, dass sie Beipackzettel für Medikamente verfassen sollte. Oder auch: Beamtin im Höheren Dienst beim Bundesnachrichtendienst. Am Ende sei es aber Medizin geworden. Wenn sie heute noch einmal entscheiden könnte, würde sie Architektin oder Innenarchitektin werden – wobei dies laut ihrer Tochter keine sichere Bank sei, wegen der KI.

Ausgezeichnete Teamarbeit

Für ihre Arbeit und ihr Engagement wurde Ciesek vielfach ausgezeichnet. Besonders habe sie sich über das Bundesverdienstkreuz gefreut, betonte sie in Frankfurt. Denn in dem Rahmen habe sie die Gelegenheit gehabt, auch die Leistung der Teamkollegen hervorzuheben. 

Bei der abschließenden Schnellfragerunde zeigte sich Ciesek als Strandfan, Hannover zieht sie Göttingen vor, Labor und Klinik mag sie gleichermaßen. Und was denkt sie als Erstes, wenn sie in eine Apotheke kommt? Sie fragt sich, ob ihr Arztausweis noch gültig ist.

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