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Langzeitstudie

ADHS »verwächst« sich nur bei jedem zehnten Kind

Die Symptome des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndroms (ADHS) könnten bei weitaus mehr Kindern als bisher angenommen bis ins Erwachsenenalter fortschreiten. Das suggeriert eine Studie aus den USA.
Carolin Lang
06.10.2021  12:00 Uhr

Das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) manifestiert sich in der Regel im Kindesalter. Bis Anfang der 2000er-Jahre war man der Ansicht, dass die Symptome im Laufe der Adoleszenz abklingen. Heute geht man davon aus, dass bis zu 50 Prozent der erkrankten Kinder Symptome ins Erwachsenenalter mitnehmen. Diese Annahme stellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kürzlich im Fachjournal »The American Journal of Psychiatry« (DOI: 10.1176/appi.ajp.2021.21010032) infrage. Sie schätzen die Zahl noch höher – auf bis zu 90 Prozent .

Die Arbeitsgruppe um Erstautorin Dr. Margaret H. Sibley vom Seattle Children’s Research Institute analysierte Daten von Probanden und Probandinnen mit ADHS aus der sogenannten MTA-Studie aus dem Jahr 1999 (DOI: 10.1001/archpsyc.56.12.1073). In dieser wurden ursprünglich verschiedene ADHS-Therapieoptionen bei Kindern zwischen etwa sieben und zehn Jahren miteinander verglichen. Über einen Nachbeobachtungszeitraum bis zu 16 Jahren wurde eine Teilpopulation von insgesamt 558 Kindern acht weitere Male auf ADHS-Symptome untersucht. Nach den 16 Jahren waren die Teilnehmenden im Durschnitt etwa 25 Jahre alt.

Etwa 30 Prozent der Kinder mit ADHS erfüllten bei mindestens einer Nachuntersuchung die Kriterien für eine vollständige Remission; bei über der Hälfte (etwa 60 Prozent) traten danach allerdings erneut Symptome auf. Während sich AHDS bei Kindern tendenziell eher durch eine motorische Hyperaktivität äußert, kommt es bei Erwachsenen eher zu verbaler Impulsivität, Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung und unüberlegtem Handeln.

Remissions- und Rezidivphasen

Eine anhaltende Remission stellte die Arbeitsgruppe nur bei 9,1 Prozent der Probanden und Probandinnen fest. Wiederum 10,8 Prozent zeigten eine stabile ADHS-Persistenz über die gesamte Nachbeobachtungszeit hinweg. Mit 63,8 Prozent hatten die meisten Studienteilnehmer im Laufe der Zeit schwankende Remissions- und Rezidivphasen. »Obwohl in den meisten Fällen eine zeitweilige Remission zu erwarten ist, traten bei 90 Prozent der Kinder mit ADHS in der MTA-Studie bis ins junge Erwachsenenalter verbleibende Symptome auf«, resümiert die Arbeitsgruppe.

»Für Menschen, bei denen ADHS diagnostiziert wurde, ist es wichtig zu verstehen, dass es normal ist, dass es Zeiten im Leben gibt, in denen die Dinge vielleicht nicht so leicht zu bewältigen sind, und andere Zeiten, in denen man die Dinge besser unter Kontrolle hat«, kommentierte Sibley die Ergebnisse in einer Pressemitteilung der University of Washington.

Künftige Forschungsarbeiten sollten biologische und umweltbezogene Faktoren untersuchen, die die Symptomschwankungen auslösen könnten, heißt es abschließend. Diese könnten als Ziele für neuartige Interventionsmaßnahmen dienen.

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