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Covid-19-Rekonvaleszenz

30 Tage lang ansteckend?

Dies ist eine sehr vorsichtige Empfehlung, denn es ist nicht gesagt, dass ein positiver Virusnachweis in jedem Fall bedeutet, dass der Betreffende auch andere anstecken kann. Infizierte mit dem Coronavirus scheinen nach aktuellem Wissensstand in den ersten Tagen am ansteckendsten zu sein, wenn sie unter Umständen noch keine oder nur sehr leichte Symptome entwickelt haben. Das hat gerade erst eine Metaanalyse im »Journal of Infection« bestätigt.

Dabei handelte es sich um eine Auswertung von 113 Studien aus 17 Ländern, die Angaben zur Viruslast im Rachenabstrich, Sputum und Stuhl von symptomatischen und asymptomatischen SARS-CoV-2-Infizierten gesammelt hatten. Demnach war die Viruslast im Nasen-Rachen-Raum etwa zum Zeitpunkt des Symptombeginns oder wenige Tage danach am höchsten und nahm dann kontinuierlich ab, bis nach etwa zwei Wochen kein Virus mehr nachweisbar war. Im Sputum war die Virusbelastung stärker, erreichte später ihren Höhepunkt und nahm langsamer ab. Im Stuhl wurde über einen noch längeren Zeitraum Virus gefunden, wobei die klinische Bedeutung dessen aus Sicht des Autorenteams um Kieran Walsh von der irischen Health Information and Quality Authority in Dublin unklar ist.

Sie räumen zwar ein, dass in Einzelfällen auch deutlich länger Virus in den Atemwegen nachweisbar war – bei einem Patienten sogar 83 Tage nach dem ersten positiven Nachweis. Auch sie betonen aber den Unterschied zwischen positivem Virusnachweis und Ansteckungsfähigkeit. Es sei nicht gesagt, dass Patienten über die gesamte Zeit der Infektion ansteckend seien. Vielmehr gebe es Evidenz dafür, dass die Infektiosität etwa sieben bis zehn Tage nach Symptombeginn abnehme. Dies würde bedeuten, dass die WHO mit ihrer Empfehlung also doch richtig liegt.

Quarantäne verkürzen statt verlängern?

Da Patienten so früh im Infektionsverlauf am ansteckendsten zu sein scheinen, ist für die Eindämmung der Pandemie aber nicht nur die Isolation von Covid-19-Patienten entscheidend, sondern auch die von Personen, die einen Risikokontakt hatten. Denn sie könnten andere bereits anstecken, bevor sie selbst erkranken. Besteht der Verdacht, dass jemand sich mit SARS-CoV-2 infiziert haben könnte, muss derjenige momentan für 14 Tage in Quarantäne.

Dies könnte unnötig lang sein, sagte der Virologe Professor Dr. Christian Drosten am 1. September im Podcast auf »NDR Info«. Er sprach sich sogar für eine Verkürzung der Quarantänezeit bei sogenannten Quellclustern aus. Zu einem Quellcluster gehören alle Personen, die bei einem Ereignis, etwa einer Familienfeier, oder in einem bestimmten Kontext, etwa im Büro oder in der Schule, Kontakt zu einem bestätigten SARS-CoV-2-Infizierten hatten. Diese Personen sollten, statt alle getestet zu werden, für fünf Tage in Quarantäne. Drosten begründete das mit der rasch abnehmenden Infektiosität. Der Tag, an dem ein Patient den Befund des PCR-Tests erhalte, sei »meistens schon der letzte oder vorletzte Tag, an dem man überhaupt noch infektiös wäre«. Diesen Infizierten noch 14 Tage in Isolation zu schicken, sei daher eigentlich unnötig.

Mit diesem Vorschlag gehe er »bis an die Schmerzgrenze der Epidemiologie«, sagte er. »Das ist schon, sagen wir mal, eine steile These, dass man sagt, nach fünf Tagen ist eigentlich die Infektiosität vorbei.« Die Überlegung sei aber: »Was kann man denn in der Realität machen, damit man nicht einen De-facto-Lockdown hat?« Es nütze nichts, »wenn man alle möglichen Schulklassen, alle möglichen Arbeitsstätten unter wochenlanger Quarantäne hat.«

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