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Analgetika-induzierter Kopfschmerz: In drei Stufen therapieren

 

Zu oft, zu lange oder zu hoch dosiert: Analgetika und Migränemittel können bestehende Kopfschmerzen verstärken und in eine chronische Krankheit treiben. Dagegen empfehlen die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) ein dreistufiges Vorgehen sowie eine Prophylaxe bei häufigen Kopfschmerzen. Die Experten haben am 16. Juli die neue S1-Leitlinie «Diagnose und Therapie des Kopfschmerzes durch Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln» veröffentlicht.

 

Weiterhin gilt die Empfehlung, nicht häufiger als an zehn Tagen pro Monat Schmerztabletten einzunehmen. Gemäß einer Pressemeldung von DGN und DMKG sind in Deutschland mindestens eine halbe Million Menschen von chronischem Kopfschmerz durch Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln (Medication Overuse Headache, MOH) betroffen.

 

Von MOH sprechen Ärzte, wenn Patienten mit vorbestehenden primären Kopfschmerzen, zum Beispiel Migräne oder Kopfschmerz vom Spannungstyp, über mindestens drei Monate an 15 oder mehr Tagen im Monat unter Kopfschmerzen leiden und an mehr als 14 Tagen im Monat Schmerzmittel oder an mehr als neun Tagen im Monat Migränemittel (Triptane oder Mutterkornalkaloide), Opioide oder Analgetika-Kombinationen einnehmen. Kopfschmerzspezialisten, Neurologen, Hausärzte und Apotheker müssten die Betroffenen über das Risiko aufklären und zu wirksamen Behandlungsalternativen beraten.

 

Die Leitlinie empfiehlt ein dreistufiges Vorgehen bei MOH. Erste Maßnahme: Schulung und Beratung der Patienten mit dem Ziel, die Einnahme von Akutmedikamenten zu reduzieren. Der zweite Schritt ist eine medikamentöse Prophylaxe der zugrunde liegenden Kopfschmerzerkrankung. Wirkt diese Therapie nicht, sollte als dritter Schritt eine Medikamentenpause angestrebt werden. Dieser Entzug ist je nach Konstellation ambulant, tagesklinisch oder stationär möglich. Bei Patienten mit MOH, die Opioide benutzen, müsse eine stationäre Entzugsbehandlung erfolgen, heißt es in der Leitlinie. Die Erfolgsrate der gestuften Therapie liege bei etwa 50 bis 70 Prozent nach sechs bis zwölf Monaten. Bei Patienten mit Opioid-Übergebrauch sei eine hohe Rückfallrate bekannt.

 

Empfohlen wird eine konsequente vorbeugende Behandlung von Kopfschmerzen. Die Experten nennen neben Medikamenten auch Ausdauersport, Entspannung und Stressmanagement. Auch die Verhaltenstherapie habe sich in der Prophylaxe als wirksam erwiesen. Die Möglichkeiten der Prävention würden jedoch längst nicht ausgeschöpft, erklärt Privatdozentin Dr. Stefanie Förderreuther, Präsidentin der DMKG. «Viele Patienten wissen schlicht nicht, dass man vorbeugend gegen Kopfschmerzen vorgehen kann.» Mit einer leitliniengerechten Therapie könne den meisten Patienten geholfen werden, betont die Neurologin. (bmg)

 

Zur Leitlinie der DGN (externer Link)

 

17.07.2018 l PZ

Foto: Fotolia/Marcinski