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Mandeln: Drinlassen ist langfristig besser

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Kindern die Gaumen- und/oder Rachenmandeln herauszunehmen, mag kurzfristig von Vorteil sein. Im Erwachsenenalter erkranken Menschen nach einer Mandel-OP aber häufiger an Atemwegsinfekten, chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) und Infektionen. Das zeigt eine Studie von Autoren um Dr. Sean G. Byars von der University of Melbourne in Australien. Im Fachjournal «JAMA Otolaryngology – Head & Neck Surgery» ruft die Gruppe dazu auf, vor einer Mandelentfernung künftig die möglichen Langzeitfolgen mit im Blick zu haben.

 

Die vollständige oder teilweise Entfernung der Gaumen- und/oder Rachenmandeln ist eine der häufigsten Operationen im Kindesalter. Bei ständig wiederkehrenden Mittelohr- oder Mandelentzündungen stellt sie meist die letzte therapeutische Option dar. Mit Blick auf mögliche Komplikationen wie Schmerzen und Nachblutungen hatten Ärzte aber in den letzten Jahren bereits zurückhaltender zum Skalpell gegriffen. Diese Haltung schlug sich auch 2015 in einer Neufassung der deutschen S2k-Leitlinie nieder, wonach eine Mandelentfernung erst ab drei bis fünf akuten Entzündungen pro Jahr in Erwägung gezogen werden soll.

 

Die aktuelle Studie liefert weitere Argumente für eine restriktive Indikationsstellung. Denn bislang gab es zu den langfristigen Auswirkungen des Eingriffs nur wenig Evidenz. Byars und Kollegen verglichen nun anhand von dänischen Registerdaten das Erkrankungsrisiko von Personen, denen innerhalb der ersten neun Lebensjahre die Mandeln entfernt worden waren, mit dem von Personen, die ihre Mandeln behalten hatten. Insgesamt wurden mehr als 1,1 Millionen Personen erfasst und bis zum Alter von 30 Jahren verfolgt.

 

Eine Mandel-OP war mit einem zwei- bis dreifach erhöhten Risiko für Erkrankungen der oberen Atemwege assoziiert; die Entfernung der Rachenmandeln (Adenoidektomie) bedeutete dabei einen zweifachen Risikoanstieg, die Entfernung der Gaumenmandeln (Tonsillektomie) einen dreifachen. Risikoerhöhungen wurden zudem für COPD, Infektionen und Allergien gesehen. Langfristig betrachtet, waren Erkrankungen, zu deren Behandlung die Operation dienen sollte, dadurch nicht signifikant seltener, so das Fazit der Autoren. (am)

 

DOI: 10.1001/jamaoto.2018.0614

 

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12.06.2018 l PZ

Foto: Fotolia/Ilike