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Alkohol und Drogen: Die Deutschen sind unbelehrbar

Beim Suchtverhalten der Deutschen, ob Alkohol, Cannabis oder Medikamente, hat sich in den vergangenen Jahren kaum etwas verändert. Deutschland liege international weiterhin auf einem Spitzenplatz, legen Zahlen des heute veröffentlichten «Jahrbuch Sucht 2018» der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) nahe. So gelten immer noch 1,2 bis 1,5 Millionen Menschen als abhängig von Tranquilizern und Schlafmitteln, vor allem ältere Menschen und davon meist Frauen. Weitere 300.000 bis 400.000 Menschen gelten als abhängig von anderen Arzneistoffen.

 

Der Autor des entsprechenden Kapitels, der Apotheker und Versorgungsforscher Professor Dr. Gerd Glaeske von der Uni Bremen, hinterfragt auch die steigenden Verordnungszahlen von Antidepressiva. Sie weisen die höchsten Steigerungen bei den Psychopharmaka auf – in den letzten zehn Jahren um 40 Prozent, bei den selektiven Serotonin-Rezeptor-Inhibitoren (SSRI) sogar um 80 Prozent. Gerade bei SSRI seien jedoch Entzugserscheinung ähnlich wie bei Benzodiazepinen beim Absetzen nach längerer Einnahmezeit möglich. Problematisch sei zudem «die massenhafte Verordnung von Neuroleptika in Alten- und Pflegeheimen». Er warnt zudem vor einem leichtfertigen Umgang mit Schmerzmitteln, insbesondere Opioiden. Letztere sollten vor allem bei tumorbedingten Schmerzen eingesetzt werden und nicht bei Rückenschmerzen.

 

Der illegale Gebrauch von Cannabis hat den neuesten Zahlen aus dem Jahr 2015 zufolge zugenommen. 7,3 Prozent der 12- bis 17-Jährigen sowie 6,1 Prozent der 18- bis 64-Jährigen haben demnach in den vorangegangenen zwölf Monaten Cannabis konsumiert. Der Suchtbericht spricht von einem zunehmenden Trend, auch bei anderen illegalen Drogen. 2016 registrierte die Polizei 1.333 drogenbedingte Todesfälle – ein Plus von 8,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zuvor war die Zahl der Drogentoten bundesweit jährlich rückläufig gewesen.

 

Die größten Probleme macht nach wie vor der Alkohol: Zwar ging der Konsum um 1 Prozent leicht zurück. Der Gesamtverbrauch an alkoholischen Getränken lag 2016 im Schnitt aber immer noch bei 133,8 Liter pro Kopf – das entspricht in etwa einer gut gefüllten Badewanne. Rechnet man den reinen Alkohol, waren es pro Kopf 9,5 Liter – ein voller Eimer. 1,77 Millionen Menschen in Deutschland gelten als alkoholabhängig, bei 1,61 Millionen weiteren kann man von Alkoholmissbrauch sprechen. 74.000 Todesfälle gehen pro Jahr auf das Konto von Alkohol oder den kombinierten Konsum von Alkohol und Tabak. Der Verbrauch von Tabakprodukten ist wieder leicht um rund 1 Prozent gestiegen, vor allem der Verkauf von Pfeifentabak (um 28,7 Prozent auf 3.245 Tonnen).

 

Die direkten und indirekten Kosten für Alkoholkonsum und die damit verbundenen Behandlungen beziffert die DHS auf rund 40 Milliarden Euro. Dem ständen nur 3,2 Milliarden Euro aus alkoholbezogenen Steuern gegenüber. Da sich im Konsumverhalten legaler und illegaler Drogen in den vergangenen Jahren kaum etwas verändert habe, fordert die DHS vor allem im Hinblick auf legale Drogen mehr und effektivere Präventionsmaßnahmen wie Preiserhöhungen, Angebotsreduzierung und Werbeeinschränkungen. An Jugendliche unter 18 Jahren solle die Abgabe komplett verboten werden. In der Prävention müssten Unterschiede zwischen Frauen und Männern sowie soziale Benachteiligung stärker berücksichtigt werden. (dh)

 

28.03.2018 l PZ

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