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Ess-Instinkt: Zurück zur intuitiven Ernährung

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Low Fat, Low Carb – viele Menschen haben die vom Verzicht geprägten Diättrends satt. Nadia Röwe, Ernährungs­wissen­schaftlerin am Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) in Bonn, sieht darin einen Grund, warum sich Experten vermehrt für ein anderes Konzept aussprechen: die sogenannte intuitive Ernährung. Das Credo: Der Körper eines jedes Menschen wisse am besten, was gut für ihn ist und was er gerade braucht. Die Signale, auf die es zu hören gelte, seien Appetit, Hunger und Sättigung. So etwas wie «verbotene» Lebensmittel, auf die man letztlich Heißhunger kriegt, gibt es demnach nicht. Eine der wenigen Vorgaben ist, langsam zu essen, um das einsetzende Sättigungsgefühl zu spüren.

 

«Abnehmen ist dabei nicht der Kerngedanke, sondern wieder mehr in sich reinzuhören», sagt Röwe. «Der große Knackpunkt, warum das jetzt so ein Hype ist, könnte darin liegen, dass Ernährung heute ein Statussymbol ist.» Hinzu kommt: Kern von Diäten sei immer der Verzicht auf etwas. «Das hat eine Gegenreaktion der Menschen erwirkt, sich jetzt endlich nicht mehr einschränken zu wollen.»

 

Der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop beschreibt, dass Kinder Erwachsenen etwas voraus hätten: den Ess-Instinkt. Sie vertrauten darauf, dass ihr Körper ihnen sage, was er wolle, seien es auch aus Erwachsenen-Sicht vermeintlich «böse» Lebensmittel, wie weiße Brötchen, schreibt er in dem Buch «Kind, iss was ... dir schmeckt!». Knop leuchtet die Wahl der Kinder aber ein: Weißbrot liefere schneller die zum Wachstum benötigte Energie und sei besser verdaulich als Vollkornbrot. Auch den Teller immer leer zu essen, sei im Natur-Programm nicht vorgesehen, so Knop.

 

Erwachsene hingegen haben diese Art des Essens verlernt. «Wann essen wir denn noch aus Hunger?», fragt Röwe. «Die meisten essen aus anderen Gründen.» Einen Einfluss haben Faktoren wie vorgegebene Mittagspausenzeiten und Portionsgrößen sowie das nicht immer zwangsläufig zum eigenen Bedarf passende Angebot. «Mit steigendem Alter nehmen zudem Erfahrungswerte und Einstellungen immer mehr Einfluss», sagt Röwe. Zum Beispiel, sich nach besonders viel Arbeit etwa mit einem Stück Kuchen zu belohnen.

 

Wieder auf den Körper zu hören, sei nicht so einfach, lasse sich aber trainieren, so Röwe. Mehr Freiheit auf dem Teller wird inzwischen nicht mehr nur für Erwachsene propagiert. Auch bei der Kinderernährung denken manche um. Statt Brei-Füttern wird heute oft schon Kleinkindern ab sechs Monaten komplett freie Hand gelassen, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie dürfen vom Essen der Großen stibitzen, was sie wollen, wie viel sie wollen – vorausgesetzt sie wollen überhaupt. Weil zum Beispiel Fast Food dabei tabu ist, könne das Konzept auch für die Eltern eine Chance sein, die Gewohnheiten beim Essen zu überdenken, sagt die Berliner Hebamme Simone Logar.

 

Es gibt noch mehr Gründe, eigene Intuition statt Fremdbestimmung zuzulassen: Ernährungswissenschaftler wie Knop, aber auch Maike Ehrlichmann («Einfach ehrlich essen») weisen auf Grenzen ihrer Disziplin hin. Ernährungstabellen versprächen zwar Orientierung, aber wie gut passen sie im Einzelfall? Letztlich sei jeder Mensch anders und esse auch anders, so Ehrlichmann. Bei Beratungen sehe sie, «dass mehr Wissen den Menschen kein bisschen weiterhilft». 

 

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02.01.2018 l PZ/dpa

Foto: Fotolia/Detailblick