Antibiotika-Therapie: Empfehlung zur Dauer überarbeiten |

Hartnäckig hält sich die Aussage, Antibiotika-Packungen immer komplett aufzubrauchen, um Resistenzbildung zu vermeiden. Doch für diese tief verwurzelte Botschaft gibt es keine Evidenz. Deshalb sollten Ärzte und Entscheidungsträger dieses alte Credo über Bord werfen und richtig stellen, fordern jetzt Dr. Martin J. Llewelyn, Professor für Infektionskrankheiten an der Brighton and Sussex Medical School, mit Kollegen aus Infektiologie, Mikrobiologie, Gesundheitspsychologie und Epidemiologie.
Ihrer Analyse im «British Medical Journal» zufolge bringe eine zu lange Antibiotika-Therapie die Patienten in größere Gefahr für Resistenzen als eine zu kurze. Tatsächlich gilt in der Behandlung von Infektionskrankheiten mittlerweile der Grundsatz «so lange wie nötig, so kurz wie möglich». Denn je länger der Selektionsdruck durch die Antibiotika-Einnahme anhält, desto wahrscheinlicher ist es, dass Mutationen entstehen und sich resistente Bakterien durchsetzen, wie man heute weiß. Allerdings gibt es Ausnahmen wie die Behandlung der Tuberkulose, die über mehrere Monate geführt werden muss.
Die Experten vermuten, die alte Aussage halte sich so lange, weil sie einfach und eindeutig ist. Das Dilemma ist, dass sie noch keine ebenso klare Botschaft als Ersatz anbieten können. Hier sei noch mehr Forschung nötig, ob beispielsweise das Motto «Stoppe, wenn du dich besser fühlst» allgemein gültig sein könnte. Denn während in Krankenhäusern die Antibiotika-Therapie mittlerweile oft von einem interdisziplinären Team ausgesucht, überwacht und modifiziert wird, fehlt es noch an praktikablen Leitlinien für Ärzte im niedergelassenen Bereich. Bis neue Empfehlungen die bisherige ersetzen, gilt sie jedenfalls noch. Patienten sollten eine begonnene Antibiotika-Anwendung zudem nicht eigenmächtig beenden. (dh)
DOI: 10.1136/bmj.j3418
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