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Chronischer Tinnitus: Viele Therapien, wenig Evidenz

 

Die Behandlung von Ohrgeräuschen ist weltweit ein lukrativer Markt. Es gibt zahlreiche verschiedene Therapieansätze – Erfolg versprechen hingegen die wenigsten. Das sagte Professor Dr. Gerhard Hesse von der Tinnitus-Klinik am Krankenhaus Bad Arolsen beim Fortbildungskongress Pharmacon in Meran. Der Tinnitus entsteht meist durch Schädigung von Innenohr-Strukturen. Eine Belastung entstehe aber erst durch die zentrale Verarbeitung und Vernetzung im Cortex. «Es gibt bei Tinnitus nicht den einen Schalter», betonte der Mediziner. «Man kann den Tinnitus maskieren, ihn aber nicht auslöschen.» Erfolg versprächen daher in der Regel nur solche Behandlungsansätze, die die Wahrnehmung des Tinnitus verändern und dem Patient helfen, bestimmte Geräusche herauszufiltern oder ihnen weniger Beachtung zu schenken.

So zeigten Studien auch nur für die Verhaltenstherapie eine schwache Evidenz, sagte Hesse. Wirksame Medikamente gebe es beim chronischen Tinnitus dagegen nicht. Ginkgo biloba wirkt bei chronischem Tinnitus laut einer Cochrane-Metaanalyse nicht besser als Placebo, und auch für den Einsatz von Betahistin gebe es bei dieser Indikation keine Evidenz. Antidepressiva könnten bei der Behandlung von psychischen Begleiterscheinungen hilfreich sein, direkt bewirken sie jedoch keine Verbesserung des Tinnitus. Auch Melatonin, das lange vor allem in den USA stark beworben wurde, wirke im Wesentlichen lediglich über eine Verbesserung des Schlafes.

Neben einer psychologischen Stabilisierung empfahl Hesse, den Hörverlust, der fast immer mit einem chronischen Tinnitus einhergeht, mit einem Hörgerät zu behandeln. Gleichzeitig könne den Patienten eine Hörtherapie, die das bewusste Hören schulen soll, helfen. (va)

 

03.06.2015 l PZ

Foto: PZ/Alois Müller