Tierimpfstoffe: Boehringer eröffnet Forschungszentrum |

Eine wochenlange Bauplatzbesetzung, Anschläge und Gerichtsverfahren bis in die letzte Instanz: Die Proteste gegen das neue Forschungszentrum des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim in Hannover waren gewaltig. Gegen das Zentrum zur Erforschung von Tierimpfstoffen liefen Anlieger und Aktivisten Sturm. Wenn der Standort an diesem Donnerstag eröffnet wird, haben die Anwohner aber ihren Frieden mit dem neuen Nachbarn im Wesentlichen gefunden. Vor Gericht erstritten sie einen Vergleich, der ihnen einen kritischen Blick auf die Forschung ermöglichen und idealerweise Ängste nehmen soll.
Von der Ankündigung des Baus 2007 bis zur Eröffnung war es für Boehringer kein einfacher Weg. Vor allem die Nähe des Zentrums zur Wohnbebauung an der Tierärztlichen Hochschule Hannover (Tiho) ist vielen ein Dorn im Auge. Während die Anwohner Gerichte bemühten, besetzten Tierversuchsgegner 2009 sechs Wochen lang das Baugelände – bis die Polizei schließlich die ehemalige Kleingartenkolonie räumte. Auf das Haus von Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) wurde ein Farbanschlag verübt, bei der Tiho gingen Scheiben zu Bruch.
Obwohl Deutschlands Nummer zwei der Branche den Großteil seines Umsatzes inzwischen im Ausland macht und auch dort Forschung betreibt, ist Boehringer die Schaffung des Zentrums in Hannover dennoch wichtig. Das neue Forschungszentrum sei in zweifacher Hinsicht von Bedeutung, sagt Boehringer-Deutschland-Chef Engelbert Günster. «Zum einen stärken wir mit der Investition von mehr als 40 Millionen Euro nachhaltig unser globales Tiergesundheitsgeschäft und zum anderen eröffnen wir in Hannover unseren vierten deutschen Standort.»
Boehringers Entscheidung pro Deutschland ist kein Einzelfall, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes für Tiergesundheit (BfT), Martin Schneidereith. «Entscheidend ist die gute Forschungslandschaft in Deutschland.» Es gebe eine gute Hochschul- und auch technische Ausbildung. «Sie brauchen ja nicht nur Doktoren, sondern auch Laborpersonal.» Ausschlaggebend für Boehringer sei sicher auch die Nähe zur Tierärztlichen Hochschule gewesen.
Zur feierlichen Eröffnung ist die Bürgerinitiative gegen Massentierversuche in Wohngebieten am Donnerstag nicht eingeladen, vergangene Woche durften die Anwohner das Zentrum aber bereits besichtigen. Von Animositäten sei da keine Spur gewesen, sagt Sprecher Klaus Neudahm. Zwar scheiterten die Bürger mit ihrer Klage gegen den Bebauungsplan vor dem Bundesverwaltungsgericht. Das Verfahren um die Genehmigung am Verwaltungsgericht endete jedoch mit einem Vergleich. Jährlich erhalten die Anlieger nun Einblick in laufende und geplante Tierversuche und können auch eigene Experten einschalten.
«Wir freuen uns darüber, dass sich alle Parteien auf einen Vergleich einigen konnten und damit für alle Beteiligten Rechtssicherheit herrscht», heißt es aus der Firmenzentrale zu der mit Richterhilfe erwirkten Bürgerbeteiligung. «Wir betrachten den Vergleich als Auftakt für eine langjährige und gute Nachbarschaft.» Unberechtigte Ängste seien inzwischen ausgeräumt, meint BI-Sprecher Neudahm. Ein von der Initiative beauftragter Forscher habe versichern können: «Bei dem, was die jetzt erforschen, besteht kein Risiko.»
25.09.2012 l dpa
Foto: Boehringer Ingelheim (Standort Bieberach)