Pharmazeutische Zeitung online

ADHS-Medikamente: Experten warnen vor Bluthochdruck

Vor Bluthochdruck und Arteriosklerose unter medikamentöser ADHS-Therapie haben Kinderärzte gewarnt. «Es gibt Hinweise, dass beispielsweise der Ritalin®-Wirkstoff Methylphenidat den Blutdruck bei 80 Prozent der Patienten erhöht. Meist nur geringfügig, aber bei Einzelnen steigt er auch stark und dauerhaft an. Das erhöht das Risiko für eine spätere Arteriosklerose», sagt der Göttinger Kinderkardiologe Dr. Martin Hulpke-Wette der Nachrichtenagentur dpa. Diese Gefahr werde bislang deutlich unterschätzt. Denn erst Mitte 2010 seien deutsche Blutdruck-Normwerte für normalgewichtige Kinder festgelegt worden. «Die werden aber noch nicht flächendeckend berücksichtigt.» Eine gründliche Anamnese vor der Behandlung und ein Check im Drei-Monats-Abstand sei deshalb unerlässlich. «Eltern sollten dies unbedingt ansprechen», empfiehlt er.

 

Professor Dr. Wolfgang Rascher (Kinder- und Jugendklinik der Uniklinik Erlangen und Mitglied der Arzneimittelkommission) ergänzt: «Ich sehe immer noch sehr oft, dass die Diagnose-Kriterien nicht eingehalten wurden.» Es sei deshalb sehr wichtig, dass nur Experten mit Zusatzausbildung diese Diagnose stellen und nicht etwa der Hausarzt. Der Anstieg der Ritalin-Verschreibungen habe sich zuletzt zwar abgeschwächt, aber sei dennoch enorm. Kardiologe Hulpke-Wette schätzt, dass in Deutschland bereits rund 700.000 Kinder Bluthochdruck haben, zumeist unentdeckt. «Für Arteriosklerose, die sich ja über viele Jahre entwickelt, zählt jeder Risikofaktor wie Übergewicht, erhöhte Lipidwerte oder Rauchen. Aber ab drei Faktoren wirken sie nicht mehr additiv, sondern exponentiell», erläuterte er.

 

Die Frage, ob die langfristige Einnahme von Methylphenidat das Risiko für Herzleiden erhöht, wird seit Jahren diskutiert. Eine große US-Kohortenstudie an 2- bis 24-Jährigen («New England Journal of Medicine»; 2011; Bd. 365, S. 1896-1904), erbrachte jüngst keine Hinweise für eine erhöhte Zahl von «schweren Zwischenfällen» wie Herzinfarkten oder gar Todesfällen über einen Zeitraum von zwei Jahren. Eine Studie im US-Ärzteblatt «JAMA» (doi: 10.1001/jama.2011.1830) untersuchte Erwachsene – mit ähnlichem Ergebnis. Doch aus Sicht von Kardiologen drohen Probleme möglicherweise erst langfristig.

 

Im Dezember hatte der Hersteller des ADHS-Medikaments Strattera® (Wirkstoff Atomoxetin) in einem Roten-Hand-Brief auf einen deutlich stärkeren Blutdruckanstieg bei einem Teil der Patienten hingewiesen. Ärzte sollten Menschen mit schweren Herzproblemen das Präparat deshalb nur eingeschränkt verschreiben. Angesichts der Tatsache, dass ADHS-Medikamente seit geraumer Zeit auch erwachsenen Patienten verschrieben werden dürfen, gewinnt der Aufruf der Kardiologen an Gewicht. Denn viele erwachsene ADHS-Betroffene «therapierten» ihren gestörten Dopamin-Haushalt bereits in Eigenregie durch Zigaretten und Alkohol, also weiteren Arteriosklerose-Risikofaktoren, berichten Ärzte. Hinzu kommt die unbekannte Menge an Erwachsenen, die Ritalin in Prüfungszeiten oder beruflichen Stressphasen als «Wachmacher» schlucken - illegal übers Internet besorgt.

 

Lesen Sie dazu auch

ADHS-Mittel: Sicher für Herz und Kreislauf oder nicht?, Meldung vom 13.12.2011

 

30.01.2012 l PZ/dpa

Foto: Fotolia/celeste clochard