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Digital Health

Zweiter Gesundheitsmarkt etabliert sich

Digitale Konzerne wie Google, Amazon und Co. drängen massiv in den globalen und auch in den deutschen Gesundheitsmarkt. Diese Entwicklung läuft zunehmend an der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) vorbei. Zu dem Ergebnis kommt nun eine Studie der Unternehmensberatung Deloitte im Auftrag des GKV-Spitzenverbands.
Julia Endris
12.03.2019
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Digitale Gesundheitsangebote werden in Deutschland zwar genutzt, finden aber laut Deloitte-Studie kaum ihren Weg in das traditionelle deutsche Gesundheitssystem. Nach Ansicht der Studien-Autoren ensteht dadurch eine „für Patienten attraktive Versorgungsoption“ parallel zum GKV-Markt. Werden innovative digitale Lösungen vermehrt außerhalb der regulären Krankenversorgung im sogenannten zweiten Gesundheitsmarkt angeboten, »könnte dieser zukünftig von Versicherten als erste Anlaufstelle wahrgenommen werden«, heißt es in der Studie. Patienten könnten dann in diesen zweiten Gesundheitsmarkt abwandern und so dem Einfluss der GKV verloren gehen, so die Befürchtung.

Die drohende Schieflage zeichnet sich auch bei den globalen Investitionen im Bereich Digital Health ab. So sind laut Studie die USA absoluter Spitzenreiter: Sie finanzierten 75 Prozent der Digital Health Investitionen in den Jahren 2013 bis 2017. Deutschlands Anteil im gleichen Zeitraum betrug nur 0,5 Prozent. Damit drohe Deutschland in dieser wichtigen Schlüsseltechnologie den Anschluss zu verlieren. Ende 2018 hatte bereits die Bertelsmann Stiftung die Digitalisierung im Gesundheitswesen in 17 Ländern analysiert. Deutschland landete auf dem vorletzten Platz.

Der GKV fehlt die gemeinsame digitale Vision und Strategie

Nur sehr vereinzelt finden digitale Lösungen bisher ihren Weg in den Leistungskatalog der GKV. Die Techniker-Krankenkasse (TK) kooperiert beispielsweise mit dem KI-Unternehmen Ada Health und bietet seit Ende 2018 mit der App »Ada« einen auf künstlicher Intelligenz basierenden Symptomcheck an. Die Barmer will mit Ihrer App »Mimi« Hörschäden digital vorbeugen. Die Versicherten können zunächst mit einer App einen Hörtest machen und anschließend mit einer zweiten App die Lautstärke beim Musikhören am Smartphone auf das eigene Gehör anpassen. Beide Lösungen basieren zwar auch auf der Nutzung von Algorithmen und Big Data, positionieren sich aber eher als Zusatzservice der einzelnen Kasse, denn als innovatives Element der Regelversorgung.

Da bisher nur wenige Lösungen im ersten Gesundheitsmarkt zur Verfügung stehen, »ist zunehmend unklar, inwiefern digitale Lösungen Bestandteil der Zielbilder der Krankenkassen sowie des GKV-Spitzenverbands sind«, heißt es in der Studie. Auch sei bisher nicht definiert, wie konkrete Schritte zu einer besseren Integration in die Versorgung aussehen, bemängeln die Autoren der Studie. Ihrer Ansicht nach ist das Kassen-System ungenügend darauf vorbereitet, den digitalen Wandel aus eigener Kraft zu gestalten. Die verschiedenen Akteure zögen nicht an einem Strang, zudem sei der regulatorische Rahmen zu eng, so der Vorwurf. Ohne eine gemeinsame Vision für die datenbasierte Gesundheitswelt drohe die GKV den Anschluss zu verlieren, so die ernüchternde Diagnose.

Laut Ann Marini, Sprecherin des GKV-Spitzenverbands, will man sich in den kommenden Monaten »sehr intensiv mit der Studie beschäftigen, inklusive einer Diskussion mit den Mitgliedskassen«. Grundsätzlich sei es das Ziel, die GKV-Leistungen an moderne Versorgungskonzepte anzupassen, »ohne auf die für uns wichtigen Eckpfeiler wie Patientensicherheit und Nutzenbelege zu verzichten«, betont Marini auf Anfrage der PZ.

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