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Fastenzeit 

»Wir scheitern oft krachend«

Am Aschermittwoch beginnt für viele Menschen in Deutschland die Fastenzeit. Wie sich die Wochen bis Ostern (und darüber hinaus) erfolgreich durchhalten lassen, erklärt Dr. Reinhold Gellner, Oberarzt für Endokrinologie, Diabetologie und Ernährungsmedizin am Uniklinikum Münster.
Daniela Hüttemann
06.03.2019
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»Wenn man den Aschermittwoch als Anlass nehmen will, um nahrungstechnisch einen Gang zurückzuschalten, dann ist das aus Sicht von Ernährungsexperten grundsätzlich in Ordnung«, so der Mediziner in einer Pressemitteilung des UKM. »Aus medizinischer Sicht sind Fastenzeiten sehr wünschenswert, weil man damit sehr viele Stoffwechselparameter günstig beeinflussen kann: den Fettstoffwechsel, den Blutdruck, den Glucosestoffwechsel.« Fastenzeiten könnten ein Anstoß sein, mit dem Abnehmen anzufangen. »Die Wahrheit ist allerdings, dass dieser erste Anstoß alleine bei Weitem nicht ausreicht«, erklärt Gellner. Vielmehr müsse der Lebensstil dauerhaft optimiert werden.

»Unabhängig davon, welche Spielart des Fastens sie wählen: Die meisten Menschen fasten einfach zu kurz und wollen schnelle Effekte«, nennt Gellner einen der häufigsten Fallstricke. »Wenn man jetzt mal so zehn oder vierzehn Tage eine Fastenkur macht, dann nimmt man kurzzeitig sehr schnell Gewicht ab.« Doch zu Beginn verliere man hauptsächlich Nährstoffe wie Kohlenhydrate und Salz, was Wasser und damit Gewicht im Körper binde. In der ersten Zeit könne man daher schnell zwei bis vier Kilo abnehmen. »Das ist aber nicht das erwünschte Fett, das sich da reduziert«, erklärt der Ernährungsmediziner. Isst man dann wieder »normal«, hat man dieses Gewicht und häufig zuzählige Kilos wieder drauf – der gefürchtete Jojo-Effekt. »Wir scheitern oft krachend«, so Gellner.

Die eigentliche Fettabnahme beginne erst ab einer Woche. »Und da wären zum Beispiel schon hundert Gramm Abnahme pro Tag sehr viel. Schon für diese geringe Abnahme müssen Sie rund 700 Kalorien pro Tag einsparen«, so Gellner. Die eine, richtige Strategie gebe es nicht. »Niemand muss sich sklavisch an eine Diät halten. Sie können heraussuchen, was Ihnen an Ernährungsform zusagt – solange Sie unterm Strich weniger Kalorien aufnehmen.« Er weist darauf hin, dass bei extremen Fasten-Formen das Risiko bestehe, nicht lange durchzuhalten und es ungesund wird. »Es ist nicht damit getan, sich jetzt mal eine Zeit lang zusammenzureißen.«

Gellner gibt zu, dass die Ernährungsmedizin den goldenen Weg zu einer dauerhaften Gewichtsabnahme noch nicht kenne. »Werden wir gefragt, empfehlen wir natürlich bei erkennbarer Motivation eine gesündere Ernährung zur Gewichtabnahme. Wir können jedoch nicht voraussagen, wer es schafft.«

Wichtig ist es, ehrlich zu sich zu sein. »Wenn Sie nichts essen, knurrt Ihnen der Magen – der Körper merkt, es ist etwas nicht in Ordnung. Und dann fängt er an, uns mit allen Mitteln, die ihm zu Verfügung stehen, auszutricksen – und wir gehen darauf ein«, erklärt Gellner. Hinzu kommt, dass man sich nach den ersten Erfolgen belohnen will. »So kommt es, dass man sich zwar nach allen Regeln der Kunst gesund ernährt, wir aber zugleich Ausflüchte erfinden«, meint der Experte. Man denkt: »Ich war heute so gut, da kann ich heute Abend etwas mehr essen. Mal ein leckeres Stück Käse oder auch ein alkoholfreies Bier…« So aber endet objektiv betrachtet die Diät, auch wenn man selbst glaubt, man verzichte weiter. »Im Nettoeffekt machen Sie dasselbe wie vorher«, stellt der Mediziner ernüchtert fest. Trotzdem habe man das aufrichtige Gefühl, seine Diät durchzuhalten.

Sollte man dann überhaupt eine Diät machen? »Sehen Sie es so: Fasten kann man machen. Auch als Übung, mal stark zu sein«, so Gellner. »Sie haben am Ende etwas fürs Ego geschafft oder sogar Ihr kardiovaskuläres oder Ihr Diabetesrisiko positiv beeinflusst.« Fasten könne der Beginn einer Besserung der persönlichen Ernährung sein. Man müsse sich nur im Klaren sein, dass am Ende nur eine andauernde und lebenslange Lebensstil-Änderung helfen kann.

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