Tausende Apotheker, PTA und PKA demonstrierten in Berlin. / © PZ/Brockfeld
Heute marschierten etwa 6000 Apothekerinnen und Apotheker vom Potsdamer Platz bis zum Roten Rathaus in der Hauptstadt. »Wir müssen etwas tun«, sagte Mahmoud Rahhal, Apotheker bei der »Arcaden-Apotheke« in Spandau, der heute bei den Protesten in Berlin dabei war. Auch seine Kollegin Melanie Födtke betonte im Gespräch mit der PZ: »Mir ist der Erhalt der Apotheken vor Ort wichtig.«
Mit dem heutigen Protest fordern die Apotheken die Bundesregierung und die Regierungsfraktionen dazu auf, die im Koalitionsvertrag vereinbarte Fixumserhöhung umzusetzen. Dieses liegt aktuell bei 8,35 Euro und soll auf 9,50 Euro erhöht werden. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat mehrfach betont, dass die Erhöhung umgesetzt wird.
»Früher gab es drei Apotheken im Ort, jetzt sind wir die einzige. Es kann so nicht weitergehen. Für die Kunden wäre es ein schlimmer Schritt, wenn es uns auch nicht mehr gäbe«, sagt Kristina Fliege, Inhaberin der Engel-Apotheke in Artern, Thüringen. »Ich möchte meinem Team ein gutes Gehalt zahlen und in neue Investitionen gehen. Ich bin solidarisch mit allen Apotheken, denen das Wasser bis zum Hals steht. Es reicht«, sagte Michael Kranz, Inhaber der Grünen-Apotheke in Prenzlau, in Brandenburg.
Auch Passantinnen, mit denen die PZ geredet hat, zeigen sich solidarisch mit den Apotheken. »Ich finde es vollkommen gerechtfertigt, dass sie für ihre Interessen eintreten«, sagte etwa Dagmar Grüske gegenüber der PZ. »Ich kann es verstehen, wenn sie mehr Honorar haben wollen«, sagte eine andere Passantin, die anonym bleiben möchte.
Besonders laut waren die Apothekerinnen und Apotheker vor dem Bundesrat und dem Gesundheitsministerium (BMG). Die Kundgebung endete am Alexanderplatz. Vor dem Roten Rathaus hielten die Berliner Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege, Ina Czyborra (SPD), die Vorsitzende des Berliner Apothekervereins, Anke Rüdinger, die Bundesvorsitzende des BVpta, Anja Zierath, sowie die Präsidentin der Apothekerkammer Berlin und Vizepräsidentin der ABDA, Ina Lucas, kurze Statements. Außerdem gab es Videobotschaften, unter anderem von Mario Voigt (CDU), dem Ministerpräsidenten von Thüringen.
»Wir alle brauchen Apotheken als starke Partner im Gesundheitswesen. Eine Apotheke ist kein beliebiger Laden, in dem man eine Tablette kauft. In Apotheken arbeiten hochqualifizierte Fachkräfte und das muss auch so bleiben«, sagte Ina Czyborra. Apotheken seien der niedrigschwelligste Zugang zur Gesundheitsversorgung und insbesondere im ländlichen Raum unverzichtbar.
Czyborra räumte ein, dass die finanzielle Situation der GKV schlecht ist. »Aber wir haben auch Verteilungsprobleme, wir brauchen deshalb eine Apothekenreform, die nicht zu Lasten der Menschen geht.« Es müsse gelingen, den hohen bürokratischen Aufwand der Apotheken zu senken. Es brauche einen gemeinsamen Dialog zur Stärkung der Offizinen. Der Reformstau im Gesundheitswesen sei ein wahnsinniges Problem. »Doch Leistungen streichen kann nicht die Antwort sein.«
Laut Czyborra sei die Arzneimittelversorgung in Berlin insgesamt gut. »Doch gerade in den Stadtrandlagen, in den Kiezen kann es zum Problem werden, wenn die einzige Apotheke schließt«, sagte die Sozialdemokratin.
Anke Rüdinger bedankte sich für die Unterstützung der tausenden Demonstrantinnen und Demonstranten. »Ich bin mir ganz sicher, wir alle haben Besseres zu tun, als hier vor dem Roten Rathaus zu stehen und Schilder hochzuhalten. Niemand von uns lässt gerne seine Apotheke an einem Montag geschlossen und die Patienten vor verschlossenen Türen stehen. Trotzdem demonstrieren wir heute. Nicht freiwillig und gerne, sondern weil wir dazu gezwungen werden. Weil wir der Öffentlichkeit vor Augen führen müssen, wie es ist, wenn es kaum noch Apotheken gibt.«
Aufgrund des Koalitionsvertrags habe sie geglaubt, dass eine solche Demonstration nicht mehr nötig sei. Die zahlreichen Zusagen seien auch das Ergebnis der Proteste des Jahres 2023 gewesen. »Doch damit, dass die 9,50 Euro im Koalitionsvertrag stehen, ist uns nicht geholfen. Es muss auch umgesetzt werden, auf Worte müssen Taten folgen. Die Erhöhung des Fixums muss jetzt Teil der Apothekenreform werden«, sagte Rüdinger.
»Liebe Politik, was braucht es denn noch? In Deutschland schließt jeden Tag mindestens eine Apotheke für immer. Das bedeutet längere Wege und eine schlechtere Arzneimittelversorgung. Das betrifft nicht nur das Land, sondern auch die Stadt. In Berlin hat in den letzten 10 Jahren jede fünfte Apotheke geschlossen«, sagte Rüdinger. Man wolle daher weiter kämpfen, bis sich die Situation verbessert. »Wir kämpfen alle zusammen, für die Apotheken und unsere Patienten. Gute Versorgung muss fair vergütet werden. Apotheken gibt es nicht zum Nulltarif!«
Sie könne nicht mehr hören, dass angeblich kein Geld für die Apotheken da sei. »Für die Gehälter der Vorstände, für Werbung und immer höhere Verwaltungskosten finden die Kassen ja auch immer Geld. Warum also nicht auch für die Apotheken?«, fragte Rüdinger. Man dürfe nicht bei den Offizinen sparen. »Die Menschen in diesem Land verdienen die beste Arzneimittelversorgung und die beste Gesundheitsversorgung. Das ist nur mit den Apotheken vor Ort möglich.«
Anja Zierath beklagte, dass die Apotheken kaputtgespart werden und dass jeden Tag Menschen die Apothekenberufe verlassen. »Ohne starke Apotheken gibt es bald auch keine PTA mehr. Wenn Apotheken verschwinden, dann verschwinden auch Arbeitsplätze, Perspektiven und Zukunft.« Der Beruf brauche eine Weiterentwicklung. »Wir übernehmen schon längst mehr Verantwortung. Aber wann bekommen wir die Anerkennung dafür? Wenn wir mehr leisten, dann brauchen wir mehr Perspektiven, Weiterqualifizierung und auch mehr Gehalt.«
Ina Lucas klagte, dass sich in den vergangenen Jahren zu wenig geändert habe. »Viele von uns fragen sich, ob es sich überhaupt noch lohnt, Apotheker zu sein«, sagte Lucas. Doch die Antwort darauf sei »ja«. Die Apothekerinnen und Apotheker wollten weiter für die Arzneimittelversorgung der Patienten eintreten und neue Aufgaben übernehmen. »Doch all das kostet Geld. Deswegen sage ich, Apotheken gibt es nicht zum Nulltarif!«
Apotheken seien ein wichtiger Teil der deutschen Infrastruktur und unerlässlich für die Resilienz des Landes in Krisenzeiten. Die heutige Demonstration sei daher besonders wichtig gewesen. »Wir stehen für unabhängige Apotheken, für starke Apothekenteams, für echte Zusammenarbeit im Gesundheitswesen, für eine Versorgung, die trägt, für unsere Patientinnen und Patienten und für die Zukunft unserer Gesundheitsversorgung. Wir stehen auch für den sozialen Frieden, der ganz wesentlich auch davon abhängt, welcher Weg jetzt mit der Apothekenreform eingeschlagen wird. Wir werden nicht aufgeben. Das heute war wichtig, wir sind wichtig«, so Ina Lucas.
»Wir wollen in einem engen Miteinander ein Land schaffen, wo die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung, egal ob in Stadt oder Land, dauerhaft gut gesichert ist und die Menschen, die das tun, auch ordentlich honoriert werden«, so Mario Voigt in seiner Videobotschaft.
Die Mitgliederversammlung der ABDA hat sich Ende Februar für einen bundesweiten Protesttag entschieden. Die Apothekenproteste fanden heute in vier Städten statt. Außer Berlin gab es Proteste in München, Düsseldorf und Hannover. Auch in kleineren Orten, wie etwa im baden-württembergischen Pforzheim, fanden heute Aktionen statt. Die Arzneimittelversorgung wurde heute durch Notdienst-Apotheken sichergestellt. Viele Landesapothekerverbände wie der hessische Landesverband oder der Landesapothekerverband Sachsen-Anhalt (LAV) hatten Apotheken dazu aufgerufen, heute geschlossen zu bleiben. Die Aufsicht in Baden-Württemberg hingegen teilte mit, dass Proteste kein »berechtigter Grund« für eine Schließung seien.