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Hormonsystem
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Wie wirken endokrine Disruptoren?

Zahlreiche natürliche und synthetische Stoffe greifen in das Hormonsystem von Mensch und Tier ein. Dies kann erwünscht oder unerwünscht sein. Was sind endokrine Disruptoren und was ist über ihre Schadeffekte bekannt?
AutorKontaktEva Gottfried
Datum 09.10.2022  08:00 Uhr

Wie beeinflussen Obesogene das Körpergewicht?

Im Fettgewebe spielen Estrogen- und Androgenrezeptoren sowie Enzyme wie die Aromatase eine wichtige Rolle. Dabei fördern Estrogene die Proliferation der Präadipozyten und regulieren damit die Anzahl der Adipozyten. Dies geschieht in einem komplexen Regelwerk unter Beteiligung von Glucose, Fettsäuren, Cholesterol, Gallensäure, Insulin-Wachstumsfaktor-1-Rezeptor (IGF1-R), PPAR-γ und anderen Regulatoren. Es wurde gezeigt, dass eine erhöhte Exposition mit dem synthetischen Antiestrogen Diethylstilbestrol (DES) mit einem gesteigerten Risiko für Fettleibigkeit verbunden ist. Auch wenn das in den 1970er-Jahren in den USA häufig in der Gynäkologie eingesetzte Hormon seit mehr als zwanzig Jahren verboten ist, finden sich immer noch Rückstände in der Nahrungskette (10).

Zahlreiche endokrin aktive Substanzen werden auch als Obesogene bezeichnet (10). Es wird diskutiert, inwieweit sie über den Stoffwechsel in die Entwicklung und Funktion von Fettgewebe, Leber, Bauchspeicheldrüse, Magen-Darm-Trakt und sogar des Gehirns eingreifen. Als empfindlichster Zeitpunkt für die Wirkung von Obesogenen werden Schwangerschaft und frühe Kindheit angenommen (10). Darüber hinaus konnte in Langzeitstudien auch beim Menschen bereits ein Zusammenhang von PFAS-Exposition (Per- und Polyfluoroalkyl-Substanzen) und Adipositas, Neigung zu Übergewicht, metabolischem Syndrom und Diabetes gezeigt werden (Tabelle 3) (3).

Stoffe Vorkommen Mögliche Mechanismen
Bisphenol A (BPA) Kunststoffe
Expoxidharze
Verpackungsmaterial
ER-Agonist
ThR-Antagonist
Hemmung PPAR-γ-Signalweg
epigenetische Veränderungen
Phthalate, z.B. Phthalatester Weichmacher in Kunststoffen wie PVC (inzwischen beschränkter Einsatz) schwache ER-Bindung
Induktion von PPAR-β
AR-Bindung
Reduktion der Testosteronsynthese
Verringerung der MR/AR-Expression
epigenetische Veränderungen
Per- und Polyfluoroalkyl-Substanzen (PFAS), z.B. Perfluoroctansäure (PFOA) Kunststoffherstellung, weil wasser- und ölabweisend ER-Bindung
PPAR-Agonist
Benzophenone Abbauprodukt der UV-Filtersubstanz Octocrylen (Sonnenschutzmittel) ER-Rezeptor-Regulation
kanzerogen
photomutagen
17α-Ethinylestradiol (EE2) Einsatz in Kontrazeptiva
Rückstände in Abwasser
ER-Agonist
Tabelle 3: Mögliche Wirkungsmechanismen ausgewählter endokriner Disruptoren (2, 3, 10). AR: Androgenrezeptor (Kernrezeptor); ER: Estrogenrezeptor (Kernrezeptor); MR/AR: Mineralocorticoid-/Aldosteron-Rezeptor; PPAR-β: peroxisome prolife

Ob und auf welchem Weg endokrine Disruptoren die zugrunde liegenden Stoffwechselprozesse beeinflussen und welcher Zusammenhang mit dem metabolischen Syndrom besteht, wird seit 2019 in dem umfassenden EU-Projekt »Metabolische Effekte von Endokrinen Disruptoren: neue Testmethoden und Adverse Outcome Pathways« (EDCMET) untersucht (12). Hier kooperieren das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und elf Partner aus acht Ländern.

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