| Alexander Müller |
| 31.08.2026 09:20 Uhr |
DRK-Präsident Hermann Gröhe im PZ-Interview über die aktuellen Entwicklungen bei Blutspenden. / © DRK
PZ: Wie steht es aktuell um die Blutversorgung in Deutschland: ausreichende Reserven oder angespannte Situation?
Gröhe: Die Blutspendedienste des Deutschen Roten Kreuzes können die Patientinnen und Patienten grundsätzlich gut versorgen. Die Blutversorgung ist derzeit gesichert. Wegen der begrenzten Haltbarkeit vieler Blutpräparate sind wir aber unbedingt auf eine dauerhafte Blutspendebereitschaft der Menschen angewiesen. Die DRK-Blutspendedienste decken über 75 Prozent des Bedarfes an Blutpräparaten in Deutschland. Diese Zahl ist seit Jahren bei leichten Veränderungen gleichbleibend. Die Gesamtzahlen und deren Entwicklung veröffentlicht das Paul-Ehrlich-Institut (PEI).
PZ: Jedes Jahr scheiden etwa 100.000 aktive Blutspender aus, etwa wegen Alters oder Krankheit. Kommen genügend neue Spender nach oder gibt es ein »Nachwuchsproblem«?
Gröhe: Das Durchschnittsalter der Spenderinnen und Spender in Deutschland liegt bei 46,7 Jahren und ist in den vergangenen Jahren angestiegen. Es fehlt an ausreichend jungen Menschen, die nachrücken und dauerhaft spenden. Die Zahl der Erstspendewilligen geht weiter zurück. Bundesweit haben sich bei den DRK-Blutspendediensten im Jahr 2025 insgesamt 283.054 Personen mit Interesse an einer Erstspende gemeldet. Das sind zwar nur knapp zwei Prozent weniger als im Vorjahr – für eine nachhaltige Sicherung der Blutversorgung ist jedoch ein Wachstum beim Spendernachwuchs erforderlich.
PZ: Gibt es auffällige Unterschiede bei der Spendenbereitschaft je nach Geschlecht?
Gröhe: Die grundsätzliche Spendebereitschaft von Männern und Frauen unterscheidet sich kaum. Allerdings können Männer aufgrund der medizinischen Spenderichtlinien häufiger Blut spenden als Frauen: Männer bis zu sechs Mal, Frauen wegen des höheren Eisenbedarfs und längerer vorgeschriebener Spendeabstände bis zu vier Mal jährlich. Ein Nord-Süd- oder Ost-West-Gefälle gibt es nicht. Grundsätzlich beobachten die DRK-Blutspendedienste, dass die Spendenbereitschaft in ländlich geprägten Regionen verhältnismäßig höher ist als in Ballungsgebieten.
PZ: Welche Rolle spielt die Jahreszeit? Wann sind die Vorräte erfahrungsgemäß besonders knapp?
Gröhe: Schwankungen beobachten wir insbesondere während der Sommer- und Reisezeit sowie in den großen Grippe- und Erkältungswellen im Herbst und Winter. Infektionen führen dazu, dass viele Menschen kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen zurückgestellt werden müssen. Gerade Krankheitswellen sind eine Herausforderung, weil sie sich ja nicht ankündigen.
PZ: Wenn von »Blutmangel« die Rede ist: Was fehlt eigentlich konkret? Geht es vor allem um Vollblut, Blutplasma oder Thrombozyten?
Gröhe: Aus einer Vollblutspende können drei unterschiedliche Blutpräparate gewonnen werden, die alle nachgefragt sind: Erythrozytenkonzentrate, Thrombozytenkonzentrate und Plasma. Am häufigsten werden Erythrozytenkonzentrate gebraucht, die aber nur aus der Vollblutspende gewonnen werden können.
PZ: Wie lange können die unterschiedlichen Blutprodukte gelagert werden? Welchen zeitlichen Puffer hat das System?
Gröhe: Erythrozytenkonzentrate können bis zu 42 Tage gelagert werden, Thrombozytenkonzentrate lediglich 4 Tage, gefrorenes Plasma hält bis zu 2 Jahre. Gerade die kurze Haltbarkeit der Thrombozyten macht deutlich, warum Blutspenden immer benötigt werden und Vorräte nur sehr begrenzt aufgebaut werden können.
PZ: Deutschland ist auch auf die Herstellung von Arzneimitteln aus Plasma angewiesen. Wie ist die Versorgungslage?
Gröhe: Aufgabe der DRK-Blutspendedienste ist in erster Linie die Versorgung der Patientinnen und Patienten mit lebensnotwendigen zellulären Blutprodukten wie Erythrozyten- und Thrombozytenkonzentraten. Das bei der Verarbeitung von Vollblutspenden anfallende Plasma wird nur zu einem kleineren Teil direkt als therapeutisches Frischplasma in Kliniken eingesetzt. Das darüber hinaus gewonnene Plasma wird an die pharmazeutische Industrie abgegeben und dort zu lebenswichtigen Medikamenten verarbeitet, zum Beispiel für Menschen mit Immundefekten oder Gerinnungsstörungen.
PZ: Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung spendet regelmäßig Blut. Was hält die anderen ab?
Gröhe: Dafür gibt es nicht den einen Grund. Studien zeigen vielmehr, dass verschiedene Ursachen zusammenkommen. Grundsätzlich ist eine Spendenbereitschaft in der Bevölkerung vorhanden, das zeigt sich insbesondere in Krisenlagen. Viele Menschen haben schlicht noch keinen persönlichen Anlass gesehen, Blut zu spenden. Andere befürchten gesundheitliche Nachteile oder haben Angst vor Nadeln. Hinzu kommen Zeitmangel oder fehlende Informationen darüber, wo und wie einfach Blutspenden heute möglich ist. Unsere Erfahrung zeigt: Wer einmal Blut spendet und dies als gute Erfahrung erlebt, kommt wieder.
PZ: Was funktioniert nach Ihrer Erfahrung besser: Appelle an die Solidarität oder konkrete Anreize?
Gröhe: Der wichtigste Anreiz bleibt aus unserer Sicht die Gewissheit, mit einer Blutspende bis zu drei Menschen ganz konkret helfen zu können. Natürlich kann auch ein Anreiz sein, dass man selbst einmal in die Situation kommen könnte, eine Blutspende zu benötigen.
Was weitere Anreize, zum Beispiel Blutspenden gegen Bezahlung, angeht: Die Vollblutspende ist laut Transfusionsgesetz und in Übereinstimmung mit der Weltgesundheitsorganisation und dem Europarat grundsätzlich unentgeltlich und sollte dies nach Auffassung der DRK-Blutspendedienste auch bleiben. Freiwilligkeit ist auch einer der sieben Grundsätze des Deutschen Roten Kreuzes. Es ist bemerkenswert, und wir sind sehr froh darüber, dass viele Menschen täglich ihre Bereitschaft erklären, Blut zu spenden, um anderen damit zu helfen.
PZ: Wie viel Potenzial steckt darin, Blutspenden bequemer zu machen – mehr Termine am Abend, mobile Angebote, kurzfristige Buchungen oder bessere digitale Erinnerungen?
Gröhe: Blutspenden bequemer zu machen, Hemmschwellen dafür abzubauen, ist ein Ziel, das uns schon lange am Herzen liegt. Mit dem neuen Spenderservice 2.0 wurde das digitale Angebot des DRK-Blutspendedienstes umfassend weiterentwickelt. Die Blutspende-App bietet unter anderem einen persönlichen Bereich, Informationen zur Spendefähigkeit, digitale Terminverwaltung, Erinnerungsfunktionen, den digitalen Blutspendeausweis sowie eine Übersicht über die persönliche Spendenvergangenheit.
Ein großes Standbein für die DRK-Blutspendedienste sind mobile Blutspendetermine an Schulen, Hochschulen, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen. Ziel ist es, dass Blutspenden wie selbstverständlich zum Alltag der Menschen gehören. Auch Unternehmen können unterstützen: etwa bei der jährlichen #missingtype-Kampagne, bei der sich eine Vielzahl an Verbänden und Firmen beteiligt.
Bei über 40.000 Terminen, die das DRK jährlich im Bundesgebiet anbietet, ergibt ein Mehr an Terminen nicht immer unbedingt Sinn. Vielmehr geht es auch darum, die bestehenden Strukturen besser auszulasten.
PZ: Was müsste sich politisch ändern, damit mehr Menschen Blut spenden? Eine Freistellung von Arbeitnehmern?
Gröhe: Bei der Politik ist das Thema Versorgungssicherung durch Blutspenden verankert. Sowohl auf kommunaler als auch auf Landes- oder Bundesebene wird viel unternommen. Ein Instrument könnten Freistellungsregelungen sein. Bereits heute unterstützen zum Beispiel zahlreiche Unternehmen ihre Beschäftigten aktiv dabei, Blut zu spenden – beispielsweise indem sie während der Arbeitszeit Blut spenden können.
PZ: Lässt sich am Prozess etwas verbessern?
Gröhe: Wir sollten endlich vorankommen bei der Nutzung der Möglichkeit, ärztliche Zulassungsgespräche zur Blutspende künftig auch telemedizinisch durchzuführen. Zurzeit ist die durchgehende persönliche Anwesenheit einer Ärztin beziehungsweise eines Arztes bei Blutspendeterminen zwingend erforderlich. Daher besteht die Gefahr, dass schon ein örtlicher Ärztemangel dazu führt, dass weniger Blutspendetermine angeboten werden können. Die technische und organisatorische Umsetzbarkeit solcher telemedizinischer Verfahren wurde bereits erfolgreich erprobt und wird in anderen Bereichen des Gesundheitswesens – etwa im Rettungsdienst – längst zuverlässig angewendet und von den Menschen angenommen.