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Risikoverhalten

Wie Menschen auf Krisen reagieren

Der Soziologe, Volkswirt und Nachhaltigkeitsforscher Professor Ortwin Renn hat zwei Bücher über die Risikowahrnehmung von Menschen geschrieben. Die PZ sprach mit dem Wissenschaftler über unterschiedliches Verhalten in Krisensituationen.
Ulrike Abel-Wanek
26.03.2020
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PZ: In Ihrem Buch »Das Risikoparadox« schreiben Sie, dass wir uns häufig vor dem Falschen fürchten. Was meinen Sie damit?

Renn: Ich beschäftige mich unter anderem damit, wie Menschen auf Krisen reagieren. Dabei lässt sich beobachten, dass Gefahren, die wir aus wissenschaftlicher Sicht als gravierend ansehen, auf der intuitiven Ebene eher unterschätzt werden. Andererseits können Bedrohungen, die Wissenschaftler als relativ risikoarm einstufen, sehr viele Ängste hervorrufen. Nehmen Sie als Beispiel die vier Volkskiller Rauchen, Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel. Etwa zwei Drittel aller Todesfälle unter 70 Jahren gehen auf ihr Konto. Diese große Gefahr wird von vielen Menschen völlig unterschätzt. Ebenso Umweltrisiken wie Feinstaub, der wirklich gesundheitsschädlich ist, in der Wahrnehmung aber nicht so hoch gewertet wird wie andere wesentlich harmlosere Umweltbelastungen. Viele Menschen fürchten sich etwa vor Pestizidrückständen in Lebensmitteln, die in der Bilanz der Gesundheitsschäden gar keine so große Rolle spielen. Auch die Gefahr, Opfer eines Mord- oder Terroranschlags zu werden, wird deutlich überschätzt.

PZ: Die steigende Zahl der mit dem Coronavirus Infizierten ängstigt viele Menschen. Aber die notwendigen politischen Maßnahmen dagegen, wie die Meidung des öffentlichen Raums, stoßen in der Bevölkerung auch auf Widerstand. Warum?

Renn: Wir müssen sehen, dass es die eine Bevölkerung nicht gibt, sondern ganz verschiedene Gruppierungen. Aus der Psychologie kennen wir drei archaische Reaktionsmuster von Menschen: das Totstellen, die Flucht und den Kampf. Das erscheint offensichtlich, hat aber gravierende Konsequenzen, die in der Forschung gut nachgewiesen sind.

Die Menschen, die zu Totstellreflexen neigen, halten sich für unverwundbar und sind überzeugt davon, dass das Virus sie nicht trifft. Das sind diejenigen, die jetzt in der Öffentlichkeit sagen: Die von oben verhängten Maßnahmen sind nicht notwendig und völlig übertrieben.

Fluchtmenschen igeln sich ein, weil sie aus Angst zu erkranken zu Hause bleiben und sich die Lebensmittel liefern lassen. Fluchtmenschen versuchen, der Exposition aus dem Weg zu gehen.

Kampfmenschen hingegen wollen etwas gegen den Aggressor unternehmen. Und da sie das Virus nicht direkt angreifen können, suchen sie Ersatzobjekte. Sie sind es, die zum Beispiel zu Hamsterkäufen neigen. Das Bedürfnis nach konkreten Aktivitäten kann auch in Richtung Sündenböcke gehen. Viele gehen etwa asiatisch aussehende Menschen an, die seit Beginn der Krise oft stigmatisiert werden. Oder sie schimpfen auf »unfähige« Politiker. Andere Vertreter dieses Typs neigen in dieser Situation auch zum Moralisieren, wie es im Internet gut zu beobachten ist. Da stilisiert man sich – im Gegensatz zum bösen Nachbarn – zum moralischen Helden, der alle Regeln zur Ansteckungsvermeidung einhält und der sich zum Sheriff erhebt gegenüber anderen, die angeblich diese Regeln nicht einhalten.

Wir haben gute Evidenz, dass es Menschen gibt, die grundsätzlich stärker zur dem einen oder anderen Typ neigen, aber es kommt auch auf die Situation an. Ob man einem Löwen oder einer Gazelle begegnet, führt unabhängig vom Typ zum situationsabhängigen Verhalten.

 

PZ: Wie schwierig ist es für die Politik, Risiken richtig einzuschätzen und dann entsprechend richtig zu handeln?

Renn: Es ist schwierig, für alle den richtigen Ton zu finden. Wenn man Kampftypen sagt, sie sollen zu Hause bleiben und sich entspannen, gehen die an die Decke. Wenn Sie Fluchttypen sagen, sie können ruhig einkaufen gehen, plagen sie tausend Skrupel. Und neige ich als Politiker vielleicht selber zum Totstell-Typ, muss ich mich fragen, ob ich eine Krisensituation nicht zu optimistisch beurteile. Hinzu kommt: Politiker, die weniger tun als möglich, müssen höchstwahrscheinlich ihren Hut nehmen, wenn es schlimmer kommt als erwartet. Speziell unsere Gesellschaft, die wenig Erfahrung mit Katastrophen hat, reagiert extrem sensibel auf Krisen.

Weniger gefährlich für Politiker ist es, unter hohem finanziellen Aufwand mehr zu tun als nötig. Dann bekommt man vielleicht eine Rüge vom Rechnungshof, weil man Geld verschleudert hat, darf aber weiter im Amt bleiben. Die politische Konsequenz ist völlig unterschiedlich bei Über- und Unterreaktion. Auch gibt es in der Politik einen moralischen Zugzwang: Wenn zur Virus-Eindämmung Maßnahmen in einem Nachbarland ergriffen werden, kann sich Deutschland dem nicht verschließen.

PZ: Hangeln wir uns von Krise zu Krise? Viele Menschen haben den Eindruck, ihr Leben sei in den letzten Jahren grundsätzlich gefährlicher geworden.

Renn: Das Gefühl, das Leben sei heute riskanter als früher, ist nicht daran gebunden, dass es für den Einzelnen tatsächlich im statistischen Sinne gefährlicher geworden ist. Es ist aber grundsätzlich unüberschaubarer geworden. Wir leben in einer sich schnell verändernden Welt, das schafft Unsicherheit, und die Menschen verbinden mangelnde Zukunftsgewissheit mit Risiko – unabhängig von Corona. Corona verstärkt diesen Trend und zeigt uns, dass wir verwundbarer sind als gedacht. Heute ist vieles unsicherer, ungewisser, nicht mehr so vorhersehbar wie noch vor einigen Jahren – das schafft Verunsicherung und erzeugt auch oft Angst.

PZ: Kann man aus Krisen lernen? Beispielsweise nach der jetzt erzwungenen Auszeit durch Corona etwas Tempo aus dem Leben zu nehmen?

Renn: Wir wissen aus überstandenen Krisen, dass meistens alles so weitergeht wie vorher. Das gilt übrigens besonders für die Totstell-Typen, die so weitermachen, als wäre nichts gewesen. Wir alle haben unsere normalen Routinen verinnerlicht, und um diese nachhaltig zu verändern, müssen Krisen lange andauern. Nur dann steigt die Chance, dass neue Routinen entstehen, die auch nach der Krise das Leben prägen. Die meisten Krisen sind aber recht schnell wieder vorbei. Dann fällt man meist in die alten Routinen zurück.

PZ: Apotheken stehen zurzeit stark unter Druck, nicht nur durch Personal- und Lieferengpässe, sondern auch durch die vielen besorgten Kunden, die Rat suchen. Was können Apotheker und Apothekerin ihnen sagen?

Renn: Wenn ein Kunde fragt, was er in Zeiten der Krise tun kann, um sich zu schützen sollte man die Gegenfrage stellen: »Was machen Sie denn schon?« Dann zeigt sich sehr schnell, mit welchem Kommunikationstyp man es zu tun hat.

Den Totstell-Typ, der nicht an der allgemeinen Panik teilnimmt, kann man in seinem Verhalten bestätigen und sagen, dass es grundsätzlich gut ist, Ruhe zu bewahren. Dennoch sei Vorsicht geboten. Auch wenn er selber nicht erkranke, könnte er ja Überträger sein und andere anstecken. Vielleicht sei es aus diesem Grund doch gut, zu Hause zu bleiben.

Den überängstlichen Fluchttypen weist man vielleicht daraufhin, dass ausreichend Abstand zu den anderen Kunden eine gewisse Sicherheit bringt. Und wenn man sich nicht ins Gesicht greife und nach dem Einkauf direkt gründlich die Hände wasche, habe es keine negativen Folgen, einen Einkaufskorb angefasst zu haben.

Dem Kampftypen muss man sagen, was er machen kann. Losgehen und sich Gummihandschuhe zu kaufen oder sich zehnmal am Tag die Hände zu waschen. Er könnte aber auch in der Nachbarschaft fragen, ob er jemandem helfen oder etwas mitbringen kann.

PZ: Wie nachhaltig müssen wir leben, um Risiken wie Corona zu minimieren?

Renn: Solche Pandemien breiten sich nur so rasant aus, wenn wir globale Mobilität haben. Da stellt sich schon die Frage, ob rund 40 Millionen Flüge jährlich wirklich nötig sind. Vielleicht muss man nicht für jedes Gespräch nach New York fliegen und es reicht eine Videokonferenz.

Zum Thema Nachhaltigkeit, auch in Richtung Apotheken, Großhändler und Arzneimittelhersteller möchte ich nur folgendes hinzufügen: Es wird zu wenig in Resilienz, also Widerstandskraft investiert und zu viel in Effizienz, was zwar die Kosten senkt, aber die Versorgung in Stresssituationen wie jetzt bei der Corona Krise gefährdet. Produktionen in weit entfernten Ländern, keine Lagerhaltung mehr vor Ort, alles »just in time«: Dieses Verhalten macht uns alle in Zeiten der Krise verwundbar. In Resilienz zu investieren kostet Geld, aber es lohnt sich. Das sehen wir gerade in der jetzigen Situation.

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