| Annette Rößler |
| 29.06.2026 09:00 Uhr |
Bei einer Herzinsuffizienz mit reduzierter Auswurffraktion schafft es der Herzmuskel nicht mehr, mindestens 40 Prozent des Blutes, das sich während der Diastole im Herzen ansammelt, herauszupumpen. / © Getty Images/Yuichiro Chino
Bei Patienten mit Herzinsuffizienz mit reduzierter Auswurffraktion (HFrEF) ist die Kontraktilität des Herzmuskels gestört. Konventionelle Wirkstoffe zur Erhöhung der Schlagkraft des Herzens (Inotropika) zielen vor allem darauf ab, die Ca2+-Konzentration im Zytosol zu erhöhen, was jedoch häufig mit Nebenwirkungen wie Tachykardie und Hypotonie erkauft wird.
Im Fachjournal »The Lancet« berichtet nun ein Team um Professor Dr. Lars Lund vom Karolinska Institutet in Stockholm von einem neuen Ansatz: Ein experimenteller Ghrelinrezeptor-Agonist scheint demnach die Ca2+-Sensitivität der Kardiomyozyten zu erhöhen und auf diese Weise unabhängig von der absoluten Ca2+-Konzentration die Kontraktilität zu verbessern.
Ghrelin ist ein Peptidhormon, das im nüchternen Zustand in den Belegzellen des Magens gebildet und in den Blutkreislauf freigesetzt wird. Über die Bindung an den Rezeptor GHSR1a (Growth Hormone Secretagogue Receptor 1a) regt Ghrelin zentral den Appetit an. Außer im ZNS kommt GHSR1a aber auch in anderen Geweben vor, unter anderem im Herzmuskel.
Aus Tierversuchen gibt es Hinweise darauf, dass Ghrelin die Aktivität des Sympathikus im Herzen dämpft, Struktur und Funktion des Herzmuskels verbessert und eine Sarkopenie des Herzens abmildert. Bei Patienten mit HFrEF sind erhöhte Ghrelinspiegel im Blut beschrieben worden, was möglicherweise als kompensatorischer Anstieg des Peptidhormons als Reaktion auf die Herzschwäche gedeutet werden kann. In ersten kleinen Studien konnte gezeigt werden, dass Ghrelin bei Patienten mit HFrEF diverse Parameter der Erkrankung, darunter die Auswurffraktion, positiv beeinflusst, ohne Tachykardie oder Hypotonie auszulösen.
AC01 (ehemals HM01) ist ein oral verfügbarer Ghrelinrezeptor-Agonist, der von der schwedischen Firma Anacardio entwickelt wird. Er wurde nun im Rahmen einer Phase-Ib/IIa-Studie an 58 Patienten mit HFrEF gegenüber Placebo getestet. Diese waren mehrheitlich männlich (91 Prozent Männeranteil) und erhielten den Wirkstoff 28 Tage lang in unterschiedlichen Dosierungen von 0,1 bis 3,0 mg täglich. Das Ziel der Studie war der Nachweis der Verträglichkeit und Sicherheit von AC01.
Dieses wurde erreicht: Es seien keine größeren Sicherheitssignale aufgetaucht, heißt es in der Publikation. Häufigste Nebenwirkungen waren Hypotonie, vorübergehende Tachykardie, Dyspnoe, Hyperglykämie, Schwindel und Kopfschmerzen. Nun soll der Wirkstoff in größeren Studien weiter untersucht werden. Die Zeit wird zeigen, ob die Aktivierung von Ghrelin ein erfolgversprechender Ansatz bei Herzinsuffizienz sein kann.