Bei häufigen Erbrechen greift die aggressive Magensäure den Zahnschmelz an und führt zur Erosion. Die Zähne verfärben sich dunkel, können brechen oder ganz ausfallen. / © Getty Images/PhotoAlto/Frederic Cirou
Immer mehr Menschen in Deutschland, vor allem Mädchen und junge Frauen, leiden an Essstörungen. So verzeichnete die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) zwischen 2019 und 2023 einen Zuwachs von fast 50 Prozent bei den 12- bis 17-Jährigen. Laut Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) weist ein Drittel der 14- bis 17-jährigen Mädchen Symptome einer Essstörung auf.
»Der Schönheitswahn in den sozialen Medien setzt Jugendliche unter Druck. Selbstoptimierungs-Trends erzeugen ein verzerrtes Körperbild. Mit fatalen Folgen, die weit über Psyche und Ernährung hinausgehen«, warnt Professor Dr. James Deschner, Direktor der Poliklinik für Parodontologie und Zahnerhaltung an der Universitätsmedizin Mainz, in einer Mitteilung von Prodente. »Essstörungen hinterlassen oft schwere Schäden an Zähnen und Zahnfleisch, die nicht oder nur sehr aufwendig repariert werden können.«
Essstörungen wie Anorexie, Bulimie und Binge Eating schädigten die Mundgesundheit, heißt es dort. »Bei der von extremen Diäten geprägten Magersucht fehlen dem Körper essenzielle Nährstoffe. Geschwächter Zahnschmelz, brüchige Zähne, chronische Mundtrockenheit und eine anfälligere Mundschleimhaut sind die Folge.« Heilungsprozesse verliefen schlechter, weil das Immunsystem beeinträchtigt sei.
Bulimie hinterlässt der Initiative zufolge die gravierendsten Zahnschäden. Aggressive Magensäure durch häufiges Erbrechen greift die Zähne an. An den Rückseiten der oberen Frontzähne sind Erosionen sichtbar. Der Schmelz dünnt aus, Kanten brechen ab, Überempfindlichkeiten entwickeln sich und das Risiko bleibender Schäden steigt rapide. Hinzu kommen Verletzungen der Schleimhäute und des Zahnfleisches, häufig verstärkt durch aggressives Zähneputzen unmittelbar nach dem Erbrechen. Der Zahnschmelz wird dadurch zusätzlich geschädigt.
Auch beim Binge Eating mit regelmäßigen, nicht kontrollierbaren Essanfällen leiden Zähne und Zahnfleisch. Lebensmittel werden meist heimlich in großen Mengen konsumierten, auch stark zuckerhaltige. Auf den Zähnen bildet sich Plaque, Karies und Zahnfleischentzündungen werden begünstigt. Denn nach der Attacke wird wenig oder gar nicht geputzt.
Zahnärzte erkennen die typischen Zahnschäden sofort. Oft sind sie die ersten, die auf eine Essstörung aufmerksam werden, noch bevor therapeutische Hilfe in Anspruch genommen wird, heißt es von Prodente. Sie können auf eine potenziell notwendige therapeutische Begleitung hinweisen oder anonyme Hilfsangebote wie die Telefonberatung bei Essstörungen des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) oder die Beratungsstelle von ANAD vermitteln.
»Viele Patientinnen suchen erst aufgrund der Schäden an ihren Zähnen nach Hilfe«, erklärt Deschner. »Zahnmedizin kann früh warnen, aber die Ursache ist immer die psychische Erkrankung. Eine professionelle Therapie kann diesen gefährlichen Kreislauf durchbrechen.«