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Apotheker Helfen

Wie die Ukraine-Hilfe funktioniert

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine kümmert sich die Hilfsorganisation Apotheker Helfen um gezielte medizinisch-pharmazeutische Hilfe für die Betroffenen. Wie bedarfsgerechte Unterstützung und Kooperationen praktisch ablaufen, erklärt AH-Geschäftsführer Dr. Andreas Wiegand.
Brigitte M. Gensthaler
14.04.2022  18:00 Uhr

PZ: Welche Unterstützung hat Apotheker Helfen bis jetzt geleistet?

Wiegand: Wir konnten mit unseren Hilfsgütern rund sieben Krankenhäuser und eine Spezialeinrichtung für Kinder mit neurologischen Erkrankungen versorgen. Dank einer großen Spende von Dr. Falk Pharma haben wir kürzlich weitere zwölf Kliniken mit gastroenterologischem Schwerpunkt unterstützt, die Patienten mit chronischen Darmentzündungen betreuen. Bislang konnten wir Hilfsgüter im Wert von mehr als 400.000 Euro in die Ukraine bringen.

PZ: Wie kooperieren Sie mit anderen Hilfsorganisationen und welche Synergien nutzen Sie?

Wiegand: Jeder soll das tun, was er am besten kann. Daher arbeitet Apotheker Helfen zum Beispiel mit Action medeor, LandsAid und NAVIS zusammen, die viel Erfahrung in der Katastrophenhilfe haben. Die Kooperation betrifft Beschaffung, Transport, Verteilung und Übergabe. Am Ort der Übergabe nehmen Einsatzkräfte die Ware entgegen, geben sie weiter und kümmern sich um Kommunikation, Koordination und Dokumentation. Bei allen Aktionen konnten wir auf Einsatzkräfte, darunter auch erfahrene Hauptamtliche, unserer Partner zählen.

PZ: Können Sie den Ablauf einer Hilfsaktion an einem Beispiel beschreiben?

Wiegand: Über Ärzte an der Universitätsklinik München und Regensburg im Bereich der rehabilitativen Medizin erreichte uns der Hilferuf der ukrainischen Kollegin, Dr. Oksana Hdyrya, aus dem Dzherelo Rehabilitationszentrum in Lviv (Lemberg). Dort werden Kinder stationär und ambulant betreut, die an schweren neurologischen Erkrankungen und angeborenen Behinderungen leiden. Diese Familien können nicht fliehen – auch weil ihre Kinder auf ihre Dauermedikation, zum Beispiel mit Antiepileptika, angewiesen sind. Die kriegsbedingten Versorgungsengpässe gefährden ihre Gesundheit und ihr Leben. In exakter Absprache mit dem Rehazentrum konnten wir alle benötigten Arzneimittel nach Lviv liefern. Ein herzlicher Dankesbrief zeigt uns, wie groß die Erleichterung bei den Betroffenen ist.

PZ: Wie ermitteln Sie den aktuellen Bedarf und verändert sich dieser?

Wiegand: Bedarfslisten erreichen uns meist direkt, zum Beispiel aus Krankenhäusern oder über Hilfsorganisationen, die oft nicht aus dem medizinischen Bereich kommen. Dann klären wir Art und Menge der gewünschten Medikamente und Hilfsmittel mit der Einrichtung und prüfen die Plausibilität. Inzwischen werden vermehrt Arzneimittel für chronische Erkrankungen, zum Beispiel Diabetes, Bluthochdruck, Schilddrüsen- und psychische Erkrankungen, nachgefragt.

PZ: Woher bekommt Apotheker Helfen die benötigten Arznei- und Verbandmittel?

Wiegand: Wir bestellen bei Action medeor, beschaffen Ware aber auch aus dem Bereich der Krankhausbelieferung und wenden uns bei Spezialbedarf direkt an Unternehmen. Um gezielt einkaufen und helfen zu können, sind wir weiterhin auf Geldspenden angewiesen. Allen unseren Spenderinnen und Spendern danken wir von Herzen! 

PZ: Wie werden Hilfsgüter sortiert, vorbereitet und transportiert?

Wiegand: Da ist viel pharmazeutische Handarbeit nötig. Die Hilfsgüter werden für jede einzelne Gesundheitseinrichtung vorgepackt, beschriftet und mit einer Packliste versehen, die auch die ukrainischen Bezeichnungen enthält. Eine spezielle Konfektionierung, zum Beispiel mit einer Gebrauchsinformation in Ukrainisch, ist leider selten möglich. Für den Transport sorgen erfahrene Spediteure oder Hilfsorganisationen. Beim Umladen und der Weitergabe an den Transporteur zur Zieleinrichtung muss der Übernehmende von seiner Gesundheitseinrichtung autorisiert sein und den Nachweis dafür vorlegen. Direkte Transporte ins Land, zum Beispiel nach Lviv, sind möglich; jedoch fährt keiner unserer Fahrer bis in die Zentralukraine oder gar in Gebiete mit Kampfhandlungen.

PZ: Jemand spendet 100.000 Euro für die Ukraine-Hilfe: Wie setzen Sie das Geld ein?

Wiegand: Solch ein großzügiger Betrag wird in gut zwei Lkw-Ladungen mit Hilfsgütern wie Arzneimittel, Verbandstoffe, Desinfektionsmittel und Verbrauchsmaterial wie Spritzen, Nahtmaterial oder Schutzausrüstung umgesetzt.

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