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Gamification

Wie die Arzneimitteleinnahme zum Kinderspiel wird

Gamification bezeichnet die Übertragung von spielerischen Elementen aus Computerspielen auf andere Aktivitäten und wird bislang vor allem im Bildungsbereich eingesetzt. Der Trend hat bereits die Arzneimitteltherapie erreicht. Der Apotheker kann hier zum Gamemaster werden.
Daniela Hüttemann
25.09.2019
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»Gamification kann genutzt werden, um Patientenverhalten in eine gesunde Richtung zu lenken«, erklärte Charlotte Rossing beim Kongress des Weltapothekerverbands FIP, der diese Woche in Abu Dhabi stattfindet. Die Apothekerin ist Forschungsleiterin bei Pharmakon, einem dänischen Trainings- und Entwicklungszentrum für die pharmazeutische Praxis. Noch sei Gamification in der Pharmazie kein großes Thema, doch die Apotheker sollten sich damit beschäftigen, um nicht nur mitspielen zu können, sondern zum Gamemaster zu werden.

Wie dies in der Praxis aussehen kann, erläuterte Apotheker Claus Möldrup, Erfinder der App DrugStars. Der Patient gibt darin an, welche Arzneimittel er regelmäßig einnimmt, und füllt einen Fragebogen aus, wie er mit der Medikation zurechtkommt. Für jede dort dokumentierte Einnahme erhält er einen Stern als Belohnung. Die gesammelten Sterne kann er an eine Patientenorganisation seiner Wahl spenden, die bei DrugStars registriert ist. Dies sind bislang 145 Organisationen, zum Beispiel der dänische Parkinson-Verein und die britische Hautstiftung. Deutsche Patientenverbände sind noch nicht vertreten. Die Organisationen erhalten pro Stern einen Eurocent. Das Geld stammt von Pharmafirmen oder den fünf Venture-Kapital-Gebern, erklärte Möldrup. »Seit dem Launch der App vor rund drei Jahren sind so bereits 270.000 Euro zusammengekommen.«

Im Gegenzug erhalten die beteiligten Pharmafirmen anonymisiert Daten, wie ihre Medikamente genutzt werden. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet. »Wir konnten zeigen, dass sich die Adhärenz steigern lässt und weniger Patienten ihre Therapie abbrechen“, so der Pharmazeut. »Es ist auch eine tolle Möglichkeit, um die Apotheker-Patienten-Kommunikation zu verbessern.« Denn regelmäßig fordert die App den Patienten auf, Schwierigkeiten, Nebenwirkungen und Zufriedenheit mit seiner Medikation einzuschätzen. Daraus berechnet die App einen Score mit maximal 100 Prozent, den Medicine Experience and Attitude Score, MEA. »Je niedriger der Score war, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient die Therapie abbricht«, so Möldrup. Apotheker könnten sich die Ergebnisse in der Apotheke zeigen lassen und auf konkrete Probleme des Patienten eingehen. DrugStars erinnert auch an die Einnahme, gibt Motivationstipps und verweist bei Problemen an Apotheker oder Arzt.

Die kostenlose App ist auch auf Deutsch erhältlich. Sie ist weltweit verfügbar und kann für alle Erkrankungen und Medikamente eingesetzt werden. Sie wurde nach Unternehmensangaben bislang 270.000-mal heruntergeladen. Das Einnahmeverhalten von 606 Diabetes-Patienten sei bereits wissenschaftlich evaluiert worden. Adhärenz und Motivation seien moderat, aber signifikant gestiegen; Einnahmezeitpunkte wurden besser eingehalten. »Unsere Daten zeigen, dass die Nutzer lange dabei bleiben«, so Möldrup.

Positive Ergebnisse gab es auch in einer Studie, an der 52 Patienten mit Epilepsie teilnahmen. Jeder Dritte hatte nach zwei Monaten besser an die Einnahme gedacht, 28 Prozent waren höher motiviert als vor Nutzung der App und für 89 Prozent war die Spende ein Anreiz, die Medikamente täglich zu nehmen.

»Wir wollen noch mehr Daten sammeln und auswerten«, kündigte er an. Zwei Studien liefen derzeit. Eine Krankenversicherung habe die App ihren 200.000 Versicherten angeboten. 50.000 hätten die App heruntergeladen, von 20.000 sollten die Daten nach zwölf Monaten ausgewertet werden. Dabei will die Versicherung auch berechnen, ob Therapiekosten gesenkt werden können.

Die Evaluation soll den Nutzen belegen – als Grundlage für eine Verordnungsfähigkeit zulasten der Krankenversicherung. Der Gründer hofft, dass die App in Zukunft von Apothekern oder Ärzten verordnet wird, die dafür dann auch vergütet werden.

Nicht zuletzt könne der spielerische Umgang mit den eigenen Medikamenten zugunsten eines guten Zwecks auch die Sicht der Patienten auf ihre Therapie ändern. So habe eine relativ junge chronisch kranke Nutzerin geschrieben: »Die App hat meine Sicht auf meine Medikamente geändert: Von einem notwendigen Übel zu einem notwendigen Guten.«

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