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Mikroplastik im Trinkwasser

WHO fordert mehr Forschung zu Risiken

Mikroplastik ist überall, auch in der Nahrung und im Trinkwasser. Wie schädlich die Aufnahme für den Menschen ist, hat nun die Weltgesundheitsorganisation untersucht. Das Ergebnis: Risiken sind kaum zu erkennen, sollten aber erforscht werden.
Christina Hohmann-Jeddi
22.08.2019
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Mehr Forschung zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Mikroplastik forderte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei der Vorstellung eines Berichts in Genf. »Wir müssen dringend mehr über die Gesundheitseffekte von Mikroplastik wissen, denn es ist überall, sogar im Trinkwasser«, sagte WHO-Expertin Dr. Maria Neira. Basierend auf den wenigen verfügbaren Informationen, die wir haben, scheine Mikroplastik im Trinkwasser auf dem bisherigen Level kein Gesundheitsrisiko darzustellen. Man müsse das Thema aber besser erforschen und vor allem den Plastikeintrag in die Umwelt reduzieren, so Neira.

Mikroplastik, Plastikpartikel aus unterschiedlichen Materialien mit einer Größe von unter 5 mm Durchmesser, wurde in unterschiedlichen Konzentrationen im Meer, in Abwasser und in Trinkwasser, sowohl in Mineral- als auch Leitungswasser, festgestellt. Bis zu 5 g der winzigen Teilchen kommen über das getrunkene Wasser, aber auch über die Nahrung und die Atemluft pro Woche in den Körper – abhängig von den Lebensumständen. Potenziell kann das aufgenommene Mikroplastik die menschliche Gesundheit auf drei Arten beeinflussen: durch die Partikel selbst, durch die enthaltenen Chemikalien oder durch an den Teilchen haftende Pathogene.

Nach Analyse der vorhandenen Studien zu dem Thema kommt die WHO zu dem Schluss, dass die Aufnahme von Mikroplastik über keinen der drei Wege gefährlich ist. Es lägen aber nicht genügend Daten vor, um eine abschließende Aussage zur Toxizität der Partikel machen zu können. So sei das Schicksal der Teilchen nach Aufnahme in den Magen-Darm-Trakt nicht gut untersucht, es gebe keine Studie am Menschen.

Den bisherigen Tieruntersuchungen zufolge werden Partikel mit einem Durchmesser von mehr als 150 µm nicht absorbiert und mit dem Kot ausgeschieden. Die Aufnahme von kleineren Partikeln ist vermutlich begrenzt möglich, die Absorption von Nanoplastik (Durchmesser unter 1 µm) und dessen Verteilung im Körper könnte größer sein, heißt es in dem Bericht. In Toxizitätsstudien mit Ratten konnten verschiedene schädliche Effekte von Mikroplastik wie eine Entzündung der Leber beobachtet werden, allerdings bei sehr hohen Mikroplastikdosen und bei insgesamt fraglicher Qualität der Studien.

Dem Ruf nach mehr Forschung insbesondere zur möglichen Wirkung von Mikroplastik einer Partikelgröße über 150 µm schließt sich auch der Umweltmediziner Dr. Hanns Moshammer von der Medizinischen Universität Wien an. »Gesunde Haut oder Schleimhaut stellt tatsächlich eine recht effiziente Barriere gegenüber größeren Teilchen dar«, sagte er gegenüber der Deutschen Presseagentur. Forschungsbedarf bestehe aber zum Barriereverhalten von erkrankter Haut oder Schleimhaut – zum Beispiel nach Verletzungen oder bei Entzündungen.

In deutschem Leitungswasser sei erheblich weniger Mikroplastik entdeckt worden als in Mineralwasser, sagte Professor Dr. Martin Wagner von der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) in Trondheim. Es sei davon auszugehen, dass Kläranlagen den Großteil der Plastikpartikel entfernen. »Das Problem hierbei ist allerdings, dass sich das Mikroplastik dann im Klärschlamm befindet und wieder in die Umwelt gelangt, wenn der Klärschlamm zur Düngung in der Landwirtschaft verwendet wird.«

Mit einer fachgerechten Reinigung könne das Abwasser laut WHO-Angaben von 90 Prozent des Mikroplastiks gereinigt werden. Das gelte auch für die Behandlung von Trinkwasser, so die WHO weiter. Das Problem sei, dass ein großer Teil der Weltbevölkerung aktuell nicht in den Genuss einer adäquaten Wasser- und Abwasserbehandlung komme. Derzeit seien im Wasser vorhandene mikrobielle Pathogene oder Schadstoffe von größerer Bedeutung für die Gesundheit als Mikroplastik. 

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