| Jennifer Evans |
| 28.07.2026 09:00 Uhr |
Manche Menschen leben ohne visuelle Vorstellungskraft – und doch können sie genauso abstrakt denken wie andere. Das Phänomen stellt die Wissenschaft vor viele Rätsel. / © Shutterstock/Vitalii Vodolazskyi
Ein Baum am Straßenrand, das Gesicht des besten Freundes, ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund – die meisten Menschen können zu diesen Begriffen spontan ein passendes mentales Bild erzeugen. Menschen mit Aphantasie hingegen fehlt diese Vorstellungskraft. Laut einem Feature im »Nature«-Magazin trifft das schätzungsweise auf 4 Prozent der Menschen weltweit zu. Sollen sie sich Vertrautes vorstellen wie etwa das Muster auf ihrem Lieblingskaffeebecher, kommen ihnen allenfalls Wörter oder Assoziationen in den Sinn. Aber ihr geistiges Auge beschreiben sie demnach als dunkel oder sogar leer.
Abstraktes Denken könne aber nur funktionieren, wenn vorher im Kopf ein konkretes Bild entsteht – davon war der schottische Philosoph David Hume im 18. Jahrhundert überzeugt. Doch das scheint nicht ganz zu stimmen, wie Forschende der estnischen Universität Tartu nun in einem Artikel im Fachjournal »Neuropsychologia« argumentieren.
Laut Dr. Uku Tooming, außerordentlicher Professor für Theoretische Philosophie, und Dr. Roomet Jakapi, außerordentlicher Professor für Geschichte der Philosophie, können sich Menschen, denen die Fähigkeit zur Visualisierung fehlt, nämlich genauso gut mit abstrakten Konzepten wie beispielsweise Geometrie, Moral und Mathematik auseinandersetzen wie jeder andere auch. Das bedeutet, mentale Bilder sind für komplexes Denken offenbar nicht zwingend erforderlich.
Für ihren Artikel prüfte das Autorenteam zunächst, ob sich Humes Ansatz doch noch retten lässt. Andernfalls ließe sich aus der Theorie des Schotten schließlich ableiten, dass Menschen mit Aphantasie keine umfassend denkenden Wesen sind, da sie eine der Voraussetzungen für das Denken nicht erfüllen.
Die beiden estnischen Forscher fragten sich also: Nutzen Aphantasiker vielleicht andere Sinne beispielsweise auditive oder taktile? Aber Sackgasse – denn multimodalen Aphantasikern fehlt auch die Möglichkeit, sich in anderen Sinnesmodalitäten etwas vorzustellen, sprich: ihnen fehlt ebenfalls so etwas wie ein »inneres Gehör«.
Auch weitere Erklärungsversuche scheiterten. Tooming und Jakapi überlegten auch, ob Menschen mit Aphantasie womöglich auf spontan auftauchende Bilder zurückgreifen – selbst wenn sie selbst keine bewusst erzeugen können. Doch Humes Abstraktionstheorie setzt – zumindest teilweise – willkürliche Bilder voraus.
Ein weiterer Vorschlag der beiden Autoren: Betroffene hätten womöglich eine gute räumliche Vorstellungskraft, eine Art schematisches Gespür für Form und Anordnung – ohne visuelle Details. Mit anderen Worten: Sie erfassen die geometrischen Beziehungen eines Dreiecks, ohne sich eines konkret vorzustellen. Doch dabei fehlt der Aspekt der sensorischen Vielfalt, den Hume als eine Grundvoraussetzung für visuelle Bilder erachtet.
Und zuletzt lief ebenfalls die Überlegung der Wissenschaftler ins Leere, dass abstraktes Denken allein sprachlich – etwa über das Wort Quadrat – für Aphantasiker möglich sein könnte. Aber: Im humeschen Verständnis sind sprachliche Begriffe auf mentale Bilder angewiesen, die Menschen mit Aphantasie nicht nutzen können.
Die Philosophen aus Estland kommen zu dem Schluss: Aphantasie scheint eine Herausforderung für Humes Theorie zum abstrakten Denken darzustellen. Sie machen deutlich, dass es für die Forschung nicht reicht, das bloße Vorhandensein mentaler Bilder und deren Einfluss auf das Denken zu untersuchen. Entscheidend sei vielmehr, wie Menschen diese Bilder nutzten.
Wie der Neurologe Professor Dr. Adam Zeman von der englischen Universität Exeter in dem »Nature«-Feature beschreibt, scheint Aphantasie jedenfalls keine großen Auswirkungen auf das Verhalten der betroffenen Menschen zu haben. Und obwohl ihre Kreativität davon beeinflusst sein könnte, schließt es sie keineswegs aus, betonte er. Demnach könnte das Phänomen bei Personen in wissenschaftlichen und technischen Berufen häufiger vorkommen als bei jenen, die im künstlerischen Bereich tätig sind.
Außerdem erinnerten sich Aphantasiker weniger lebhaft an Details aus ihrer Vergangenheit. Andere wiederum träumten aber sogar in Bildern, so Zeman. Anstatt von einer Störung oder einem Zustand zu sprechen, will er die fehlende Vorstellungskraft lieber als »faszinierende Variation« auf einer Skala der mentalen Vorstellungskraft bezeichnen.
Forschende konnten dem »Nature«-Beitrag zufolge feststellen, dass Aphantasie offenbar eine genetische Komponente hat. Die Wahrscheinlichkeit, davon betroffen zu sein, verzehnfache sich, wenn man ein Geschwisterkind mit einem schwach ausgeprägten oder fehlenden »inneren Auge« habe, heißt es. Zudem deuten Gehirnstudien darauf hin, dass dem Phänomen eine fehlende Kommunikation zwischen unterschiedlichen Gehirnregionen zugrunde liegen könnte.
Zeman hebt darüber hinaus die Relevanz der Aphantasie-Forschung hervor. Die Wissenschaft interessiere beispielsweise, inwiefern lebhafte mentale Bilder mit Halluzinationen bei Schizophrenie, einer Parkinson-Erkrankung oder mit visuellen Flashbacks bei posttraumatischen Belastungsstörungen zusammenhängen könnten. In diesen und anderen psychischen Kontexten könnte Aphantasie eine schützende Wirkung haben, so Zeman.
Auch für das Verständnis und die Behandlung von Alzheimer sei es interessant, dass unser Gedächtnis offenbar über mehrere Komponenten verfügt – objektive, räumliche, semantische. Da bei Alzheimer verschiedene Gedächtnisformen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten nachließen, könnten diese Erkenntnisse eine Orientierung darstellen, so der Neurologe.
Die Debatte bewegt eindeutig nicht nur die Philosophiegeschichte, sondern auch die Kognitionswissenschaft. Wer also verstehen will, wie Menschen denken, muss über bildhafte Erklärungen hinausgehen und erforschen, welche anderen Möglichkeiten der Geist besitzt, die Welt zu strukturieren und über sie nachzudenken.