| Lukas Brockfeld |
| 25.06.2026 15:01 Uhr |
Wolfgang Holzgreve, Torsten Rantzsch, Thomas Preis, Hauke Gerlof, Nicola Buhlinger-Göpfarth und Susanne Johna (v. l. n. r.) diskutierten über die arztzentrierte Versorgung. / © PZ/Brockfeld
Im deutschen Gesundheitssystem nehmen die Ärzte eine zentrale Rolle ein. Doch angesichts des demografischen Wandels steht das System zunehmend unter Druck. In vielen Ländern spielen andere Gesundheitsberufe eine wichtigere Rolle. In Deutschland sieht das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) jetzt neue Aufgaben für die Apotheken, beispielsweise im Bereich Impfen, vor. Was bedeutet das für die Versorgung? Darüber wurde am Donnerstag auf dem Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit in Berlin diskutiert.
Für die Debatte waren Nicola Buhlinger-Göpfarth (Hausärztinnen- und Hausärzteverband), Susanne Johna (Marburger Bund), Wolfgang Holzgreve (Universität St. Gallen), Thomas Preis (ABDA) und Torsten Rantzsch (Universitätsklinikum Düsseldorf) eingeladen. Die Moderation übernahm Hauke Gerlof (Ärzte Zeitung).
Thomas Preis betonte eingangs, dass sich Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) aus gutem Grund für ein multiprofessionelles Primärversorgungssystem ausspreche. Das Verhältnis zur Ärzteschaft sieht er aktuell nicht belastet. »Die Apotheken haben mit der Apothekenreform mehr Möglichkeiten, über die Arzneimittelversorgung hinaus Gesundheitsdienstleistungen anzubieten. Daher müssen wir Gespräche mit der Ärzteschaft führen. Wir dürfen nicht nebeneinander herarbeiten, sondern müssen unsere Angebote stärker verzahnen.«
Die Kritik, dass Apotheken nicht die Kapazitäten hätten, um Leistungen wie Impfungen im großen Stil anzubieten, wollte der ABDA-Präsident nicht gelten lassen. »Bei uns in Nordrhein impft etwa jede dritte Apotheke. Da wird viel gemacht, und wir erreichen andere Personengruppen als die Arztpraxen.« Allein die Zahl der Grippeimpfungen habe sich in der letzten Saison verdoppelt. Mit der Ausweitung des Angebots werde es einen weiteren Sprung geben, da es sich für Apotheken mehr lohnen werde, in die benötigte Infrastruktur zu investieren.
Auch andere Angebote, beispielsweise die assistierte Telemedizin, würden bald an Bedeutung gewinnen. »Apotheken werden – politisch gewollt – mehr Verantwortung übernehmen. Wir wollen keine Parallelstrukturen. Wir schaffen vorgelagerte Strukturen. Wir stehen vor dem ärztlichen und dem notärztlichen System«, betonte Preis. Die Politik habe mit der Apothekenreform nicht das Ziel, den Ärzten etwas wegzunehmen, sondern wolle unter anderem höhere Impfquoten erzielen.
Nicola Buhlinger-Göpfarth entgegnete, dass Medizin dort stattfinden sollte, wo sie gemacht wird, und das seien nicht die Apotheken. Apotheken dürften seit fünf Jahren gegen Grippe und Covid-19 impfen und hätten es bisher nicht geschafft, die Impfquoten nennenswert zu erhöhen.
Ein gemeinsam mit den Apotheken umgesetztes Primärversorgungssystem könne sie sich allerdings gut vorstellen. Das müsse allerdings nicht von der Politik, sondern von den Berufsgruppen selbst umgesetzt werden. »Wir sollten anfangen, von der Versorgung her zu denken und miteinander besprechen, mit welchen Rahmenbedingungen wir die Patientenversorgung verbessern können. Aktuell schafft die Politik ohne uns Strukturen, über die wir alle nicht besonders glücklich sind. Da sollten wir klüger und proaktiv sein. Die Gesetzgebung hat nicht die Expertise im Bereich der Patientenversorgung«, sagte die Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes.
Preis betonte, dass entsprechende Gespräche mit der Ärzteschaft schon stattfänden. »Wir dürfen uns nicht von der Politik auseinanderdividieren lassen. Uns eint das Interesse an einer guten Patientenversorgung. Da werden wir einiges hinbekommen«, sagte Preis. Der ABDA-Präsident erklärte, dass man die Patienten nicht aus dem Blick verlieren dürfe: »Die bekommen so viele Gesundheitsdienstleistungen von Personen und Institutionen, die überhaupt keine medizinische oder pharmazeutische Kompetenz haben. Die müssen wir in die Praxen oder die Apotheken zurückholen.«
Auch in anderen Bereichen rückt man zunehmend von der arztzentrierten Versorgung ab. Torsten Rantzsch erzählte, dass man Pflegekräfte im klinischen Sektor deutlich weiterqualifiziert habe, um die Ärzteschaft zu entlasten und die Versorgung der Patienten zu verbessern. Doch es brauche dringend mehr Tempo. »Wir werden nicht mehr damit warten können. Der Ärztemangel steht vor der Tür«, warnte Rantzsch. In den Krankenhäusern gebe es inzwischen viele akademisch qualifizierte Pflegekräfte, die beispielsweise in Feldern wie der Onkologie wichtige Aufgaben übernehmen.
Wolfgang Holzgreve erklärte, dass Deutschland aktuell durch viele veraltete Strukturen ausgebremst werde. Der Spardruck belaste das System zusätzlich. »Wir sind aktuell in einer Phase, in der sich mehr tut als in den Jahrzehnten, die hinter uns liegen. Das ist eine große Chance«, sagte der Professor. Das deutsche Gesundheitssystem habe viele Strukturen, die im internationalen Vergleich auffällig seien. Das sei wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass man das aktuelle System hektisch nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut habe.
Susanne Johna mahnte an, dass man bei der neuen Verteilung von Aufgaben nicht vergessen dürfe, dass sich die Ausbildungen in unterschiedlichen Gesundheitsberufen deutlich unterscheiden. »Wir sprechen immer von Augenhöhe. Aber ich habe auch kein Gespräch auf Augenhöhe, wenn ich mit meinem Auto in die Werkstatt muss, weil ich keine Ahnung habe, wie Autos im Detail funktionieren. Augenhöhe kann es nur in dem Sinne geben, dass wir die Fähigkeiten des Anderen anerkennen und diese für die Patientenversorgung optimal einsetzen.«
Thomas Preis hob in seinem Schlusswort hervor, dass eine bessere Patientensteuerung unbedingt Teil des neuen Primärversorgungssystems sein müsse. Dafür brauche es auch finanzielle Anreize. Preis verwies auf die erfolgreiche Zahnprophylaxe, die aufgrund der Bonushefte von sehr vielen Menschen genutzt werde. »Wir müssen Anreize für die wichtigen Präventionsprogramme setzen und diese gut erreichbar machen. Die Bürgerinnen und Bürger wollen so was gerne in der Apotheke machen. Die Apotheken stehen auch dafür bereit, das qualitätsgesichert zu übernehmen«, sagte der ABDA-Präsident.