Ob es jetzt noch gelingt, den Erkältungsinfekt mit Vitaminen und Phytopharmaka abzufangen? / © Getty Images/milan2099
Konkrete Aussagen zu pflanzlichen Arzneimitteln sucht der interessierte Pharmazeut in der aktuellen S2k-Leitlinie zur »Diagnostik und Therapie von erwachsenen Patienten mit Husten« vergeblich. »Was die pflanzlichen Arzneimittel betrifft, ist das ein Rückschritt zur Vorgängerversion der Leitlinie. Es fehlen diesmal klare Aussagen, welche Extrakte gute klinische Daten haben und dass Phytopharmaka zum Teil mehr Evidenz besitzen als die chemisch-synthetischen Arzneistoffe«, sagte der Phytopharmaka-Experte im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.
Die Vorgängerleitlinie habe mehr Orientierung geboten – auch weil niedergeschrieben war, dass Wirksamkeitsbelege extraktgebunden sind. »Ohne die Nennung von Handels- beziehungsweise Extraktnamen, wenn vorhanden, ergeben sich aus der Leitlinie nur wenig hilfreiche Hinweise für die Praxis. So ist beispielsweise die Angabe ›Eukalyptusöl‹ sehr unkonkret«, so Fürst.
Die beste Evidenzlage gibt es laut dem Pharmazeuten für die Indikation Erkältungshusten und Bronchitis. Randomisierte klinische Studien belegen eine Linderung der Intensität und ein schnelleres Abklingen des Hustens gegenüber Placebo für folgende Zubereitungen:
Die genannten Pflanzenauszüge können einen rund zwei bis zweieinhalb Tage schnelleren Heilungsverlauf von Atemwegsinfekten und Bronchitis nachweisen, indem sie die Hustenattacken und das Sputum reduzieren. Wie stellt man sich die Wirkweise mechanistisch vor? Die expektorierend wirkenden Inhaltsstoffe helfen, die Sekretviskosität zu normalisieren und über die Aktivierung der Flimmerhärchen die körpereigene mukoziliäre Clearance hochzufahren. Das fördert das Abhusten von Sekret. Sputum, das leichter abgehustet werden kann, entlastet die Hustenrezeptoren.
Phytopharmaka sind Vielstoffgemische, betonte Fürst. Insofern könnten sie nicht wie chemisch-synthetische Arzneistoffe streng nach Expektorans oder Antitussivum klassifiziert werden. Die Bezeichnung »antitussiv wirksam« passe für eine pflanzliche Zubereitung einfach nicht. »Schließlich haben pflanzliche Arzneimittel einen anderen Wirkmechanismus als die zentral angreifenden Antitussiva.«
Vielmehr gebe es Phytopharmaka, die sich gegen Reizhusten wenden. Präparate mit schleimstoffhaltigen Drogen wie Isländisch Moos (zum Beispiel Isla® Halspastillen) oder Eibisch (zum Beispiel Bronchostop®, Phytohustil®, Naturalis® Mund- und Rachenspray) befeuchten die Schleimhäute. Das Lutschen regt zudem den Speichelfluss an. Die in den Schleimstoffen enthaltenen Polysaccharide bilden mit dem Speichel eine Art Schutzfilm, der sich an die Schleimhaut heftet. Durch diese mucilaginöse Wirkung wird das entzündete Epithel vor weiteren Reizen geschützt.
Bei den Phytopharmaka gegen Bronchitis befinden sich dagegen viele ätherische Öle. »Und die vereinen nun mal sowohl entzündungshemmende als auch antiinfektive Effekte«, informierte der Phyto-Experte. »Das Besondere im Bereich der Naturstoffe im Infektionsbereich ist, dass sie einen breiten Ansatz haben und meist antiviral und antibakteriell wirken.«
Apropos breites Wirkspektrum: Dafür sei der Pelargonium-Spezialextrakt EPs 7630 bestes Beispiel. »Sein Wirkprinzip ist nicht auf einen Mechanismus zu reduzieren, sondern als synergistisches Zusammenspiel mehrerer Wirkansätze zu sehen. Hervorzuheben ist besonders die immunstimulierende Komponente.«
Generell rät der Apotheker dazu, relativ zügig – also beim ersten Anflug von Erkältungszeichen – in den Arzneischrank zu greifen. Das habe den Vorteil, den grippalen Infekt eventuell noch abfangen zu können oder von weniger starken Symptomen belästigt zu werden. Auch hierfür gebe es einige gute Daten.
So habe etwa das Präparat Angocin® Anti-Infekt N gezeigt, dass es die Wahrscheinlichkeit von Atemwegsinfektionen allgemein gegenüber Placebo verringern kann. »Die Fixkombination aus Kapuzinerkresse und Meerrettichwurzel verfügt über eine aussagekräftige Studie mit mehreren hundert Personen, die das vorbeugende Potenzial gegen Infekte in der Erkältungssaison belegt. Danach gab es 40 Prozent weniger Erkältungen in der Verumgruppe.« Interessant: Angocin® Anti-Infekt ist für die Indikationen Bronchitis und Sinusitis zugelassen, nicht dagegen zur Prävention.
Die Evidenz im Bereich Atemwege ist jedoch laut Fürst nicht so gut wie bezüglich der ableitenden Harnwege. Senfölhaltige Zubereitungen – die genannte gepulverte Drogenmischung ist das einzige in Deutschland verfügbare Arzneimittel – verfügen über ein breites antimikrobielles Wirkspektrum, das sich auch zur Prophylaxe von immer wiederkehrenden Harnwegsinfektionen als positiv herausstellte. »Die Datenlage der enthaltenen Isothiocyanate ist auch deutlich besser als etwa die zu Bärentraubenblättern«, merkte Fürst an.
Wie steht es um das vorbeugende Infektpotenzial des Sonnenhutes? »Die Studienlage ist zwar nicht hervorragend, doch es ist daraus eine gewisse Evidenz für das Abfangen eines Infekts zu Beginn einer Erkältung abzuleiten«, formulierte es der Fachmann. Allerdings gelte es hierbei, den pharmazeutischen Sachverstand bezüglich verwendeter Pflanzenteile und Auszüge walten zu lassen.
So sind die Presssäfte und die getrockneten Presssäfte aus dem frischen Kraut des Purpursonnenhuts mit einem Droge-Extrakt-Verhältnis (DEV) von 1,5–2,5:1 positiv zu bewerten (wie Echinacin®, Esberitox® mono, Echinacea ratiopharm). Es gibt auch eine Well-established-Use-Monographie des HMPC-Ausschusses der EMA für Presssaft oder Trockenextrakt. Studien, zum Beispiel mit Echinacin®, hätten gezeigt, dass es »den Patienten schneller besser geht, und das ist entscheidend«. Alle anderen Zubereitungen wie aus E. pallidae radix oder E. angustifolia radix sind lediglich Arzneizubereitungen nach traditioneller Anwendung.
Zur unterstützenden Therapie viraler Erkältungskrankheiten biete sich auch die Fix-Trockenextrakt-Mischung an, bestehend aus den Wurzeln des Purpursonnenhuts und des Blassfarbenen Sonnenhuts, dem Wurzelstock der Färberhülse (Baptisia tinctoria) und den Spitzen und Blättern des Lebensbaums (Thuja occidentalis). Esberitox® compact und Meditonsin® extract (die Präparate enthalten die gleiche Extraktmischung) haben eine gute Studie vorzuweisen, die die Verkürzung der Infektionsdauer um ein bis zwei Tage zeigt, führte Fürst aus.
Bei einer akuten Rhinosinusitis kann das Apothekenteam laut der in Überarbeitung befindlichen S2k-Leitlinie eine Behandlung mit dem patentierten (Misch-)Extrakt BNO 1016 (Sinupret® extract) oder mit »definierten Eukalyptus-Extrakten« – wie es in der Leitlinie heißt – empfehlen. Zum Tragen kommen die sekretolytischen und entzündungshemmenden Effekte der Inhaltsstoffe. Bei rezidivierender oder chronischer Rhinosinusitis gebe es hingegen laut Fürst keine Empfehlung.
Auch reines 1,8-Cineol (Soledum® forte, Sinolpan® forte), definitionsgemäß als Reinsubstanz kein Phytopharmakon, könne die Symptome bei akuter nicht eitriger Rhinosinusitis um mehrere Tage schneller verbessern. »Auch hier gibt es valide Daten, die Hersteller haben ihre Hausaufgaben gemacht.« Einen deutlichen Benefit habe Pelargonium-sidoides-Extrakt EPs® 7630 (Umckaloabo®) bei Erwachsenen mit bakterieller Sinusitis gezeigt. »Das sind interessante Studiendaten, aber es hat keine Zulassung dafür.«
Dürftig sieht es mit Evidenzen laut Fürst bei der Indikation Halsschmerzen aus. In der aktuellen S3-Leitlinie zu Pharyngitis werde ein Salbeifluidextrakt-Rachenspray positiv erwähnt, das in Deutschland aber nicht auf dem Markt ist. »Zum einen halte ich die Darreichungsform als Spray für effektiver als Lutschen und Gurgeln, und zum anderen hat Salbei eine entzündungshemmende Komponente.« Bedauerlich findet es Fürst, dass Umckaloabo® in einer doppelblinden randomisierten placebokontrollierten Studie bei Kindern mit Tonsillopharyngitis »beeindruckend wirkte, es dafür aber nicht zugelassen ist. Die 78 mit Verum behandelten Kinder waren nach einer Woche annähernd symptomfrei«.
Thymian-, Rosmarin- oder Zitrusöle: Ihre antibakteriellen Eigenschaften werden besonders in der Erkältungstherapie sehr geschätzt. Genau dieser Wirkaspekt der Terpene ist es jedoch, der ihre Verwendung in Hautpflegepräparaten bedenklich macht.
In Naturkosmetik übernehmen ätherische Öle häufig eine Doppelfunktion. So ersetzen sie zum einen synthetische Duftstoffe, und zum anderen halten sie aufgrund ihrer starken antimikrobiellen Wirkung die Formulierung keimfrei. Das hat jedoch negative Auswirkungen auf das Hautmikrobiom.
»Ätherische Öle können auch in niedrigen und mittleren Konzentrationen das Hautmikrobiom schädigen«, weiß Mikrobiomspezialistin Professorin Dr. Michaela Axt-Gadermann. »Insofern sind sie synthetischen Konservierungsstoffen zur Haltbarmachung auf keinen Fall überlegen. Besonders Menschen mit sensibler oder vorgeschädigter Haut sollten Zubereitungen mit ätherischen Ölen meiden. Sie bringen nämlich noch zwei weitere Negativaspekte mit sich: Sie schädigen die Hautbarriere und haben oft starkes allergisierendes Potenzial.«
Ätherische Öle aus der Gruppe der Terpene werden neben synthetischen Substanzen gerne auch als Penetrationsvermittler verwendet, weiß die Dermatologin. »Das ist kein Problem, solange das nur eine Hautfläche in der Größe eines Pflasters betrifft. Werden ätherische Öle jedoch großflächig als Hautpflege aufgetragen, leidet die Hautbarriere insgesamt, sie wird durchlässiger, trockener und anfälliger für Reizungen.«
Darüber hinaus gehören ätherische Öle zu den Klassikern bei Kontaktallergien. »Limonen, Linalool, Eugenol, Cinnamal, Geraniol oder Eichenmoosextrakt sind sehr starke Kontaktallergene, die Rötungen, Juckreiz und Ekzeme verursachen können. Besonders häufig stehen Zitrone, Sandelholz, Jasmin, Ylang-Ylang und Teebaumöl in Verdacht Reizungen auszulösen. Und das Risiko steigt, je länger ein Öl offen herumsteht: aufgrund der Oxidationsprozesse durch den Kontakt mit Luft und Licht.«