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50 Jahre Krebsmedizin
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Was ein halbes Jahrhundert Forschung bewirkt hat

Die Krebsmedizin hat in den vergangenen fünfzig Jahren enorme Fortschritte erzielt. Laut aktuellem Bericht der American Association for Cancer Research (AACR) sind die Überlebensraten vieler Tumorerkrankungen deutlich gestiegen, nicht zuletzt dank zielgerichteter Therapien, geringerem Tabakkonsum und verbesserter Früherkennung. Doch die Erfolge sind ungleich verteilt.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 06.10.2026  13:30 Uhr

Die »American Association of Cancer Research« (AACR) publiziert jedes Jahr einen umfassenden Bericht über die wichtigsten Fortschritte in der Krebsforschung, Krebsprävention und Krebstherapie, insbesondere in den USA. Nun erschien die 16. Ausgabe dieses Berichts. Die positive Bilanz der aktuellen Entwicklungen nahm auch das Wissenschaftsjournal »Nature« zum Anlass, die zentralen Ergebnisse in einem News-Beitrag aufzugreifen.

Besonders deutlich wird der Fortschritt beim Langzeitüberleben. Mitte der 1970er-Jahre lebten in den USA fünf Jahre nach einer Krebsdiagnose insgesamt 49 Prozent der Betroffenen. Für die Diagnosejahrgänge 2016 bis 2022 liegt die relative Fünfjahresüberlebensrate zwischenzeitlich bei 71 Prozent. Bei Kindern stieg sie im gleichen Zeitraum von 58 auf 86 Prozent, bei Jugendlichen von 68 auf 88 Prozent. Anfang 2025 lebten in den USA bereits 18,6 Millionen Menschen mit einer früheren oder bestehenden Krebsdiagnose. Bis 2035 sollen es mehr als 22 Millionen sein.

Spektakuläre Erfolgsgeschichten treiben den Fortschritt an

Hinter diesen Durchschnittswerten verbergen sich einige spektakuläre Erfolgsgeschichten. Ein Paradebeispiel ist die chronische myeloische Leukämie (CML). Die Aufklärung ihrer molekularen Grundlagen, insbesondere der durch das Philadelphia-Chromosom ausgelösten BCR-ABL-Tyrosinkinase, ebnete den Weg für die Entwicklung zielgerichteter Tyrosinkinasehemmer. Die relative Fünfjahresüberlebensrate stieg von rund 22 Prozent Mitte der 1970er-Jahre auf 71 Prozent für die Jahre 2016 bis 2022.

Beim multiplen Myelom verdoppelte sich die Fünfjahresüberlebensrate seit Mitte der 1990er-Jahre von 32 auf 64 Prozent. Auch beim Leberkrebs ist eine deutliche, wenn auch auf niedrigerem Niveau verbleibende Verbesserung von 7 auf 22 Prozent zu erkennen.

Die Fortschritte beschränken sich längst nicht mehr auf lokalisierte Tumoren. Auch für Patienten mit metastasierten Krebserkrankungen hat sich die relative Fünfjahresüberlebensrate seit Mitte der 1990er-Jahre von 17 auf 36 Prozent mehr als verdoppelt. Besonders ausgeprägt sind die Veränderungen beim metastasierten Melanom von 16 auf 34 Prozent, beim Rektumkarzinom von 8 auf 19 Prozent und beim Lungenkarzinom von lediglich 2 auf 10 Prozent. Diese Zahlen spiegeln unter anderem den Aufstieg zielgerichteter Arzneimittel und der Immuncheckpoint-Inhibitoren wider.

Fortschritte basieren nicht nur auf innovativen Arzneimitteln

Es wäre aber zu kurz gegriffen, den Erfolg allein neuen Arzneimitteln zuzuschreiben. Beim Lungenkarzinom ist der Rückgang des Rauchens von zentraler Bedeutung. Zugleich werden Tumoren häufiger in früheren Stadien erkannt. Der Anteil früh diagnostizierter Lungenkarzinome stieg in den USA zwischen 2003 und 2023 von 18 auf 33 Prozent.

Beim Mammakarzinom sank die Mortalität zwischen 1989 und 2024 um 44 Prozent. Dies entspricht nach Berechnungen des AACR rund 546.000 vermiedenen Todesfällen. Mammographie und zunehmend individualisierte Therapien haben daran wesentlichen Anteil. Beim kolorektalen Karzinom ging die Sterberate zwischen 1990 und 2024 um fast 50 Prozent zurück.

Der AACR-Bericht zeigt auch, wie stark sich das therapeutische Instrumentarium inzwischen ausdifferenziert hat. Allein zwischen Juli 2025 und Juni 2026 ließ die FDA elf neue Krebsmedikamente zu und erweiterte die Indikationen von fünf bereits verfügbaren Wirkstoffen. Zu den bemerkenswerten Entwicklungen gehören eine erste zielgerichtete Therapie für Gliom-Patienten sowie ein erster zugelassener PROTAC. Letzterer ist ein Wirkstoff, der das zelleigene Proteinabbausystem nutzt, um ein krankheitsrelevantes Protein gezielt zu eliminieren.

Hinzu kommen weitere Präzisionsmedikamente gegen molekular definierte Formen des Lungenkarzinoms. Auch die Immuntherapie erweitert ihren Aktionsradius. So sind Checkpoint-Inhibitoren inzwischen für 23 Tumorarten, erstmals nun auch beim Ovarialkarzinom, zugelassen.

Die beeindruckenden Erfolge dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie sehr ungleich verteilt sind. Eine Grafik im AACR-Bericht zum Überleben über fünf Jahrzehnte, die auch in dem News-Beitrag in Nature abgebildet ist, zeigt beispielsweise für das Pankreaskarzinom trotz aller Fortschritte lediglich einen Anstieg der Fünfjahresüberlebensrate von etwa 3 auf 14 Prozent. Für Patienten mit Glioblastom liegt sie aktuell sogar nur bei rund 7 Prozent. Dem stehen Werte von 92 Prozent beim Mammakarzinom und 98 Prozent beim Prostatakarzinom gegenüber.

Bei metastasierter Erkrankung schrumpft dieser Vorsprung allerdings drastisch. Dann beträgt die Fünfjahresüberlebensrate beim Brustkrebs nur 34 Prozent und beim Prostatakarzinom 40 Prozent.

Anstieg der Krebsinzidenzen bei jungen Menschen

Hinzu kommen neue epidemiologische Herausforderungen. Ausgerechnet bei den 18- bis 49-Jährigen steigt die Krebsinzidenz; diese Altersgruppe verzeichnete zwischen 1995 und 2021 als einzige einen anhaltenden Anstieg der Gesamtinzidenz. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Frauen. Beim früh auftretenden kolorektalen Karzinom nahm zudem die Mortalität seit 2004 um etwa 1 Prozent pro Jahr zu; inzwischen ist Darmkrebs in den USA die führende Krebstodesursache dieser Altersgruppe.

Die vielleicht wichtigste Botschaft der beiden Beiträge lautet deshalb: Der Erfolg der vergangenen 50 Jahre beruht nicht auf einem einzelnen Durchbruch. Er ist das Ergebnis eines Zusammenspiels aus Prävention, Tabakkontrolle, Impfungen, Screening und früher Diagnostik, molekularer Tumorcharakterisierung, Chirurgie und Strahlentherapie sowie immer präziseren Arzneimitteln und Immuntherapien.

Rund 40 Prozent der US-Krebsfälle werden weiterhin modifizierbaren Risikofaktoren zugeschrieben – allen voran Rauchen, Übergewicht und Alkoholkonsum. Damit bleibt Prävention neben Präzisionsonkologie und Immuntherapie eine der wirksamsten Strategien gegen Krebs.

Gleichzeitig verschiebt sich die Grenze des Machbaren weiter. Flüssigbiopsien sollen Tumoren früher erkennen und Therapie sowie Rezidivkontrolle verbessern. KI wird bereits für Bildgebung, Pathologie und genomische Analysen eingesetzt. Neue KRAS-Inhibitoren, gezielter Proteinabbau, personalisierte Krebsimpfstoffe und programmierbare RNA-Arzneimittel könnten die nächste Phase der Präzisionsonkologie bestimmen.

Zusammengenommen fällt die Bilanz nach einem halben Jahrhundert bemerkenswert positiv, aber keineswegs triumphal aus. Aus zahlreichen früher rasch tödlich verlaufenden Tumorerkrankungen sind behandelbare oder zumindest länger kontrollierbare Erkrankungen geworden. Für andere Tumoren, darunter insbesondere Pankreas- und bestimmte Hirntumoren, steht ein vergleichbarer Durchbruch allerdings weiterhin aus.

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