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Adipositas

Was bringen Medikamente zum Abnehmen?

Massives Übergewicht mit Fasten und Sport reduzieren zu wollen, ist in aller Regel sinnlos. Ein kombiniertes Maßnahmenbündel, das langfristig umgesetzt wird, verspricht mehr Erfolg. Medikamente können für begrenzte Zeit das Abnehmen unterstützen.
Edith Bennack
11.02.2019
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Die S3-Leitlinie zur Prävention und Therapie der Adipositas sieht ein kombiniertes Vorgehen aus Ernährungsumstellung, vermehrter Bewegung, Verhaltens- und Lebensstiländerung sowie unter Umständen auch eine Pharmakotherapie als effektivste Maßnahmen zum Abnehmen vor. Medikamente seien allenfalls ein Zusatzangebot zur Verhaltensänderung, und ihre Gabe sei aufgrund vieler Wechsel- und Nebenwirkungen engmaschig zu begleiten, betonte Dr. Markus Zieglmeier von der Apotheke des Klinikums Bogenhausen, München, bei der Würzburger wissenschaftlichen Winterfortbildung, einer Veranstaltung der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft und der Bayerischen Landesapothekerkammer.

Früher wurde der »Mormonentee« konsumiert – ein Tee aus Ephedra- Arten (Inhaltsstoff Ephedrin), der aus China stammt und gerne von Angehörigen der Mormonen getrunken wurde. Amphetamine wie Ephedrin wirken sympathomimetisch und sind verschreibungspflichtig. Im Handel ist das Derivat Amfepramon. Immer noch finde man Amphetamine undeklariert in ominösen Mischungen, die über das Internet zum Abnehmen angeboten werden, warnte der Apotheker. Der Wirkstoff Sibutramin wurde 2010 wegen lebensbedrohlicher Nebenwirkungen aus dem Handel genommen.

Seit etwa zwanzig Jahren ist Orlistat zur Behandlung der Adipositas auf den Markt. Über die Hemmung von Lipasen vermindert der Arzneistoff die Aufnahme von Nahrungsfetten in den Körper; Nebenwirkungen sind heftige Gasentwicklungen mit teils unkontrollierten Diarrhöen und Fettstühlen.

In den letzten Jahren führten Zufallsbefunde zum Off-label-Einsatz von Metformin beim sogenannten Prädiabetes. Derzeit untersucht man auch den GLP1-Inhibitor Liraglutid bei Adipositas. Ansatz ist die Entdeckung, dass Hirnregionen, die appetitanregende Reize verarbeiten, unter Liraglutid weniger stimulierbar sind. Ob Patienten eine tägliche subkutane Gabe langfristig tolerieren würden, ist jedoch unklar.

2014 ließ die FDA eine Fixkombination aus Naltrexon und Bupropion zur Behandlung der Adipositas zu.  In Deutschland kam das Medikament 2018 auf den Markt (Mysimba® Retardtabletten). Ziegelmeier erläuterte den Sinn der Kombination. Der Dopamin- und Noradrenalin-Reuptake-Inhibitor Bupropion stimuliert die Produktion des Peptids Pro-Opiomelanocortin (POMC) im Hypothalamus, das dann in weitere Peptide aufgespalten wird. Darunter sind die Melanozyten-stimulierenden Hormone (α, β- und γ-MSH) sowie β-Endorphin. Das α-MSH aktiviert den Melanocortin-4-Rezeptor (MC4R); dessen Stimulation vermindert den Appetit mit nachfolgender Gewichtsreduktion. Kontraproduktiv ist jedoch die Hemmung der POMC-Aktivität durch β-Endorphin, das an den inhibitorischen µ-Opioid-Rezeptor bindet. Der Opioid-Antagonist Naltrexon soll diese unerwünschte Abschwächung der Wirkung verhindern. Eine gefürchtete Nebenwirkung der Kombination ist die deutlich erhöhte Krampfneigung.

Nur für begrenzte Zeit

Alle Arzneimittel zur Gewichtsreduktion sollen nach 12 bis 16 Wochen abgesetzt werden, wenn das Körpergewicht nicht um mehr als 5 Prozent abgenommen hat. Eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung bezüglich der potenziellen Nebenwirkungen, eine begleitende Therapie mit Bewegung und veränderten Essgewohnheiten sowie eine professionelle Begleitung sollten selbstverständlich sein. Zieglmeier zog ein klares Fazit: Arzneimittel sind höchstens als Ergänzung geeignet. Ohne andere Maßnahmen sei kein langfristiger Erfolg zu erwarten. Unbedingt müsse man die Neben- und Wechselwirkungen sowie die Dauer der medikamentösen Therapie im Auge behalten.

 

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