Die nächste Hitzewelle lässt sicher nicht mehr lange auf sich warten. Mit einer klimasensiblen Beratung können Apothekenteams vor allem vulnerable Patienten vor hitzebedingten Komplikationen schützen. / © Imago Images/A. Friedrichs
Hitzewellen werden häufiger – der Deutsche Wetterdienst (DWD) verzeichnete von 2022 bis 2024 drei aufeinanderfolgende Rekordjahre der Jahresmitteltemperatur. 2025 war global das drittwärmste Jahr seit Beginn der Auswertungen im Jahr 1850. Der DWD spricht von Hitzewellen, wenn die Temperaturen an drei aufeinanderfolgenden Tagen über 28 °C liegen. Verschärft wird die Situation, wenn die Temperaturen nachts nicht unter 20 °C sinken.
Hitze trifft nicht alle Patienten gleich. Besonders gefährdet sind Ältere und Personen mit gesundheitlichen Vorbelastungen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) ermittelte für diese Personengruppen für die Sommermonate der Jahre 2023 und 2024 eine Übersterblichkeit von jeweils etwa 3000 hitzebedingten Sterbefällen.
Um die Körpertemperatur bei etwa 37 °C zu stabilisieren, reagiert der Körper mit Vasodilatation und Schweißproduktion. Beides entlastet zunächst, kann aber zum Problem werden: Starkes Schwitzen führt zu Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten, was Hitzeerschöpfung oder Hitzekrämpfe begünstigt. Zugleich kann der Blutdruck durch die Gefäßerweiterung abfallen; mögliche Folgen sind Schwindel, Benommenheit und im Extremfall ein Hitzekollaps. Intensive Sonneneinstrahlung kann zudem einen Sonnenstich auslösen. Steigt die Körpertemperatur rasch an und gelingt die Wärmeabgabe nicht mehr, droht ein Hitzschlag – ein potenziell lebensbedrohlicher Notfall.
Für die Beratung ist die schnelle Einordnung entscheidend: Kopfschmerzen, Übelkeit/Erbrechen und Lichtempfindlichkeit sprechen bei Hitze und Sonnenexposition für einen Sonnenstich. Heiße, trockene Haut, erhöhter Puls, erhöhte Körpertemperatur sowie Verwirrtheit bis zur Bewusstseinsstörung sind Warnzeichen eines Hitzschlags. Muskelkrämpfe, Schwäche, Schwindel, starkes Durstgefühl oder feuchtwarme Haut können auf Hitzeerschöpfung hinweisen.
In der Akutsituation hilft oft schon Basiswissen: Betroffene sollten an einen kühlen, schattigen Ort wechseln, lockere Kleidung tragen und aktiv kühlen – etwa mit kühlen (nicht eiskalten) Umschlägen oder kühlen Fußbädern. Zum Flüssigkeitsausgleich eignen sich Wasser, (leicht) gesüßter Tee oder verdünnte Saftschorlen; Alkohol ist tabu. Bei starkem Schwitzen, Schwindel oder Muskelkrämpfen kann eine Elektrolytlösung sinnvoll sein.
Bei Bewusstseinstrübung oder Bewusstlosigkeit, plötzlicher Verwirrtheit, Krampfanfällen, anhaltendem Erbrechen, Nackensteife, starken Kopfschmerzen oder einer Körpertemperatur über 39 °C muss unverzüglich der Notruf gewählt werden.
Hitze ist unter anderem für ältere Menschen ein hohes Gesundheitsrisiko, da Durstgefühl und Schweißproduktion abnehmen. / © Adobe Stock/pikselstock
Präventiv gilt: ausreichend trinken, leichte Kost und wasserreiches Obst/Gemüse bevorzugen, Wohnräume abdunkeln und nachts lüften sowie körperliche Aktivität in Morgen- oder Abendstunden verlegen. Luftige, helle Kleidung aus Naturfasern, Sonnenhut und Sonnenschutzmittel unterstützen zusätzlich. Babys unter einem Jahr sollten keiner direkten Sonne ausgesetzt werden. Ältere Menschen profitieren von Erinnerungs- und Unterstützungsstrukturen, damit das Trinken im Alltag nicht untergeht.
Bei Hitze besonders gefährdet sind Säuglinge und Kleinkinder, Schwangere und Stillende, ältere und pflegebedürftige Menschen sowie Personen mit chronischen Erkrankungen. Bei Älteren nimmt die Wärmeregulation ab, das Durstempfinden ist oft reduziert. Bei Demenzerkrankten kann die Körperwahrnehmung zusätzlich gestört sein. Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen müssen die Mehrarbeit des Herzens bei Vasodilatation kompensieren; Elektrolytverluste können Herzrhythmusstörungen begünstigen.
Bei chronischen Atemwegserkrankungen können eine durch Hitze erhöhte Atemfrequenz und eine von Hitzewellen häufig begleitende erhöhte Ozon-/Feinstaubbelastung eine Exazerbation fördern. Menschen mit Nierenerkrankungen können empfindlich auf Hypovolämie und Elektrolytverschiebungen reagieren. Wer im Freien arbeitet oder Sport treibt, kombiniert Hitze mit körperlicher Belastung – auch hier lohnt die proaktive Ansprache.
Hitze verändert Thermoregulation, Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt – und damit auch Pharmakokinetik und Verträglichkeit von Arzneimitteln. Für die Beratung haben sich vier Risikofelder bewährt. Erstens: Blutdruckabfall und Kreislaufrisiko. Vasodilatation kann die Wirkung von Antihypertensiva und Antianginosa verstärken; das Risiko für Schwindel, Stürze und Synkopen steigt. Hier sind Blutdruck-Selbstmessungen zu empfehlen und der Hinweis zu geben, die Arzneimitteldosierung nicht eigenständig zu ändern, sondern ärztlich abklären lassen.
Zweitens: Dehydrierung und Elektrolytstörungen – etwa unter Diuretika, SGLT-2-Inhibitoren, ACE-Hemmern, Laxanzien oder Lithium. Hier sollte aktiv das Trinkverhalten angesprochen und Warnzeichen wie Müdigkeit, Verwirrtheit, wenig oder dunkler Urin erklärt werden. Bei Risikopatienten gilt es, Kontrollen von Blutdruck, und Gewicht sowie von Elektrolyten und Nierenfunktion anzuregen. Unter einer Therapie mit Lithium sind aufgrund der geringen therapeutischen Breite Serumspiegelkontrollen essenziell.
Drittens: reduziertes Schwitzen beziehungsweise gestörte Thermoregulation, häufig bei anticholinerg wirksamen Substanzen (unter anderem trizyklische Antidepressiva, urologische Spasmolytika, Antipsychotika, sedierende H1-Antihistaminika), aber auch bei zentral wirksamen Sympathomimetika oder Opioiden. In der Offizin lohnt der Blick auf die anticholinerge Last und – wenn möglich – das Anregen eines Wechsels auf besser verträgliche Alternativen.
Viertens: verstärkte Arzneimittelwirkung durch veränderte Pharmakokinetik. So kann Insulin bei Hitze schneller anfluten (Hypoglykämierisiko), weshalb eine engmaschige Blutzuckerkontrolle wichtig ist. Transdermale therapeutische Systeme (TTS), zum Beispiel Fentanyl-, Buprenorphin-, Nikotin-, Rivastigmin- oder Rotigotin-Pflaster, können bei erhöhter Hautdurchblutung mehr Wirkstoff freisetzen. Patienten sollten sich vor direkter Sonneneinstrahlung und Erwärmung schützen, das Apothekenteam kann zu Überdosierungszeichen aufklären. Bei entsprechendem Verdacht sollte das TTS entfernt und ein Arzt befragt werden.
Zudem kann durch Hitze die renale Elimination reduziert sein. Dies ist besonders kritisch bei Arzneimitteln mit geringer therapeutischer Breite wie Lithium, Herzglykosiden und Antiarrhythmika wie Sotalol oder Flecainid. Auch hier gilt, Aufklärung zu Überdosierungszeichen und bei Verdacht ärztliche Abklärung.
Damit klimasensible Beratung bei Hitze nicht vom Zufall abhängt, hilft Organisation. In den Sommermonaten können im Team hitzekritische Wirkstoffgruppen besprochen, interne Merkhilfen gesetzt und bei der Abgabe eine kompakte Kurzberatung zu Warnzeichen, Trinken/Kühlen sowie Transport und Lagerung gegeben werden. Wichtig ist immer die klare Botschaft an Betroffene, keine eigenständigen Therapieänderungen vorzunehmen. Dosisanpassungen sollten in der Apotheke oder bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ärztlich besprochen werden.
Die klimasensible Beratung in Apotheken kann auch im Rahmen der pharmazeutischen Dienstleistungen stattfinden. So kann die Apotheke dabei unterstützen, hitzebedingte Risiken früh zu erkennen und Komplikationen zu vermeiden.
Informationsmaterialien rund um das Thema klimasensible Beratung finden sich auf der Website der ABDA. Bei der Vorbereitung des Teams auf Hitzewellen hilft der Musterhitzeschutzplan für Apotheken.