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Suizidprävention

Warnzeichen richtig deuten

Viele Menschen, die einen Suizid vorhaben, teilen das vorher anderen mit – auch über soziale Medien. Facebook verständigt deshalb bei verdächtigen Posts Notfalldienste und die Polizei. Um entsprechende Äußerungen der Nutzer zu identifizieren, nutzt das Unternehmen künstliche Intelligenz. Ein Ansatz, der Kritik erntet.
Annette Mende
21.02.2019
Datenschutz bei der PZ

Bereits seit Längerem ruft Facebook seine Nutzer dazu auf, Inhalte mit Suizidbezug zu melden. »Melde uns den Inhalt, sodass wir diese Person kontaktieren und ihr Informationen zur Verfügung stellen können, die ihr möglicherweise weiterhelfen«, heißt es auf Facebook unter »Privatsphäre und Sicherheit«. Da entsprechende Posts aber nicht immer beziehungsweise nicht immer schnell genug gemeldet werden, hat das Unternehmen einen Algorithmus entwickelt, der sie automatisch erkennen soll. Es handelt sich dabei um ein selbst lernendes System, also künstliche Intelligenz.

Auf der Mitteilungsseite code.fb.com gibt Facebook Auskunft über einige Details dieses Algorithmus. Demnach werden neben Schlüsselwörtern wie »Goodbye« oder »Sadness« auch Parameter einbezogen wie Wochentag und Uhrzeit des Posts sowie Reaktionen von Freunden wie »Are you OK?«, die darauf hindeuten, dass die potenzielle Bedrohung ernst zu nehmen ist. Ganz ohne menschliche Kontrolle kommt das System aber nicht aus, denn am Ende ist es ein speziell geschulter Mitarbeiter des sogenannten Community Operations Teams von Facebook, der den Notruf auslöst.

Im November 2018 teilte Unternehmenschef Mark Zuckerberg auf Facebook mit, dass auf diese Weise im Jahr zuvor weltweit rund 3500 Interventionen veranlasst worden seien. Was aus diesen Fällen wurde, ist jedoch unbekannt, kritisieren Dr. Ian Barnett von der University of Pennsylvania und Dr. John Torous von der Harvard Medical School aktuell im Fachjournal »Annals of Internal Medicine« (DOI: 10.7326/M19-0366).

Die beiden Autoren loben Facebook zwar für seinen innovativen Ansatz im Bemühen, Suizide zu verhindern. Dieser falle jedoch streng genommen, obwohl das Unternehmen dies selbst nicht beanspruche, unter die Kategorie »Forschung«, ohne dabei die Anforderungen an eine wissenschaftliche Studie zu erfüllen. So fehle die Einwilligungserklärung der Teilnehmer und die Vor- und Nachteile der Intervention seien unklar, da Facebook die Ergebnisse geheim halte.

Volle Zustimmung erhalten Barnett und Torous von Professor Dr. Christiane Woopen, Medizinethikerin an der Universität Köln und Vorsitzende des Europäischen Ethikrats. »Wenn Facebook ohne Einwilligung seiner Kunden ein nicht wissenschaftlich gestütztes Screening zur Aufdeckung eines erhöhten Risikos für eine Selbsttötung einsetzt und dafür die Privatsphäre der Kunden verletzt, ist das ethisch nicht vertretbar«, sagte sie der Zeitung »Die Welt«. In der EU verhindert die Datenschutzgrundverordnung den Einsatz des Systems. Es kommt daher in der EU momentan nicht zum Einsatz, wie eine Facebook-Sprecherin der PZ auf Anfrage bestätigte.

Suizidraten stagnieren

Abgesehen von den datenschutzrechtlichen und wissenschaftlichen Einwänden gegen den von Facebook gewählten Ansatz ist das verstärkte Engagement zur Suizidverhinderung jedoch grundsätzlich zu begrüßen. Denn jährlich nehmen sich in Deutschland circa 10.000 Menschen das Leben (siehe Kasten). Professor Dr. Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig, sprach beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) Ende November in Berlin zum Thema Suizidalität.

In Europa gibt es etwa 20 Mal mehr Suizidversuche als vollendete Suizide, wie seine Arbeitsgruppe 2015 in einer epidemiologischen Studie zeigte (»Plos one«, DOI: 10.1371/journal.pone.0129062). Die Geschlechterverhältnisse sind dabei verschieden: Männer unternehmen weniger Suizidversuche (43,2 Prozent), verüben aber mehr vollendete Suizide (74,4 Prozent). »Das hängt mit der Letalität der suizidalen Handlung zusammen«, sagte Hegerl. Frauen wählten meist Methoden wie Vergiftung, die in der Mehrzahl der Fälle überlebt werden, Männer dagegen häufiger tödlichere Methoden wie Erhängen. Doch auch innerhalb der gleichen Methode gebe es Differenzen; so sei Vergiftung bei Frauen in 2 Prozent der Fälle tödlich, bei Männern in 3 Prozent.

Auch wie eine Gesellschaft mit dem Thema Suizid umgeht, hält Hegerl für entscheidend. In fast allen Ländern Europas habe es laut Daten der Weltgesundheitsorganisation zwischen 2000 und 2012 einen Rückgang der Suizidraten gegeben. Einzige Ausnahmen: Griechenland und die Niederlande. In Griechenland liege das wahrscheinlich an der Erfassungsqualität, doch in den Niederlanden? »Eine Hypothese, die ich persönlich für plausibel halte, ist, dass der liberale Umgang mit dem assistierten Suizid eine gewisse Wirkung entfaltet«, sagte Hegerl. Depressive empfänden sich als Belastung für ihre Umwelt. »Wenn dann in einer Gesellschaft das Tabu abgebaut wird und es einen halboffiziellen Weg gibt, sich aus dem Leben zu schaffen, wird die Schwelle gesenkt.«

Depressionen, die letztlich in einem Suizid enden, sieht er nicht unbedingt als sekundär an, also als Folge von Konflikten, Trauer, Stress oder Krankheit. »Diese scheinbaren Gründe sind austauschbar.« Wenn ein Patient die Veranlagung zu einer Depression habe, brauche es keinen äußeren Auslöser. Der depressive Mensch finde immer etwas Negatives in seinem Leben, das in seiner Wahrnehmung durch die Erkrankung vergrößert werde. So beruhe auch in Ländern mit wirtschaftlichen Problemen der oft beobachtete Anstieg der Suizidrate vermutlich hauptsächlich darauf, dass das Gesundheitssystem zusammenbreche und es kein Geld mehr für Psychotherapie und Antidepressiva gebe. Depression als Folge äußerer Umstände anzusehen, sei problematisch, weil die psychische Erkrankung dann nicht richtig ernst genommen werde.

Nur selten spontan

Den Entschluss, sich umzubringen, fassen Betroffene nur selten spontan. Die Nationale Versorgungsleitlinie »Unipolare Depression« spricht daher von Suizidalität als »alle Erlebens- und Verhaltensweisen von Menschen, die in Gedanken, durch aktives Handeln oder passives Unterlassen oder durch Handeln lassen den Tod anstreben beziehungsweise als mögliches Ergebnis einer Handlung in Kauf nehmen«. Demnach hat Suizidalität graduelle Ausprägungen:

  • Wunsch nach Ruhe oder Pause (»passiver Todeswunsch«);
  • Suizidgedanken/Suizidideen (konkrete Ideen, fluktuierend auftretende Ideen, sich zwanghaft aufdrängende Ideen, impulshaft einschießende Suizidideen, Suizidideen im Sinne akustischer Halluzinationen);
  • Suizidpläne/Suizidvorbereitungen (konkretisierte, geäußerte oder nicht geäußerte Suizidabsicht; abgebrochene suizidale Handlungen);
  • suizidale Handlungen.

Die Phasen verlaufen dabei nicht linear, depressive Patienten können von passiven Todeswünschen oder Suizidgedanken direkt zu suizidalen Handlungen übergehen. Wie die Leitlinie betont, lässt sich Suizidalität nur durch direkte Thematisierung valide abschätzen. Der Betroffene muss also direkt danach gefragt werden, denn von alleine berichtet er meist nicht davon. Tut er es doch, ist das immer ernst zu nehmen. Besonders suizidgefährdet sind Menschen mit psychischen Störungen, allen voran Depression, aber auch Suchterkrankungen. »Das höchste Suizidrisiko überhaupt haben ältere Männer, wobei die Suizidrate bei Männern über circa 70 Jahren exponentiell ansteigt«, heißt es in der Leitlinie.

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