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Clickmere

Vollsynthetischer Antikörper-Ersatz

Antikörper binden Antigene spezifisch nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip und werden deshalb in Diagnostik und Therapie breit eingesetzt. Als Biomoleküle haben sie aber auch Nachteile: Die Herstellung ist aufwendig und eine gleichbleibende Qualität nur schwer sicherzustellen. Dr. Maren Hamann war an der Uni Bonn an der Entwicklung einer vollsynthetischen Alternative zu Antikörpern beteiligt. Im Interview erklärt sie, was es mit den sogenannten Clickmeren auf sich hat.
Annette Mende
27.06.2019  17:00 Uhr

PZ: Was sind Clickmere? Wie sind sie aufgebaut?

Hamann: Clickmere sind Detektionsmoleküle, die ihre Zielstrukturen, meist Proteine, besonders stark und auch in sehr kleinen Mengen binden. Sie bestehen wie DNA aus Nukleotiden und können vollsynthetisch hergestellt werden. Durch die Verwendung eines unnatür­lichen Nukleotids kann zusätzlich eine Vielzahl verschiedener chemischer Modifikationen in das Molekül eingebracht werden, um dessen Bindungseigenschaften zu verbessern. Das Detektionsmolekül ist zusätzlich mit einem sogenannten Label versehen, zum Beispiel mit einem Fluoreszenzfarbstoff, der anzeigt, wenn das Clickmer an seine Zielstruktur gebunden hat.

PZ: Worin liegen die Vorteile gegenüber herkömmlichen Antikörpern?

Hamann: Der wohl größte Vorteil ist die vollsynthetische Herstellung. Antikörper werden mithilfe biologischer Systeme, zum Beispiel Tiere oder Zellkulturen, hergestellt. Dies hat zur Folge, dass ihre unterschiedlichen Chargen biologischen Schwankungen unterliegen und sich in ihren Bindungseigenschaften unterscheiden können. Dies hat direkten Einfluss auf die Qualität der damit erzielten Ergebnisse. Clickmere unterliegen diesen Schwankungen nicht und führen damit zu zuverlässigeren Ergebnissen. Darüber hinaus benötigen Clickmere für Lagerung und Transport keine Kühlkette. Dies macht den Vertrieb einfacher und günstiger und ermöglicht zum Beispiel auch den Einsatz in Krisengebieten oder in der Feldmedizin.

PZ: Welche Einsatzmöglichkeiten gibt es?

Hamann: Im Prinzip können Clickmere in jeder Anwendung, in der klassischerweise Antikörper eingesetzt werden, Verwendung finden, sei dies in der Forschung, der Diagnostik oder gar der Therapie.

PZ: Mit Clickmer Systems, einem Ausgründungsprojekt der Universität Bonn am ebenfalls in Bonn ansässigen Life Science Inkubator LSI, entwickeln Sie aber zunächst ausschließlich Clickmere für Forschung und Diagnostik.

Hamann: Das ist richtig. In der Forschung ist ein Markteintritt aufgrund der geringen regulatorischen Hürden am zügigsten möglich. Mithilfe von bereits am Markt etablierten Partnern wollen wir dann Diagnostika entwickeln. Am höchsten sind die Hürden beim Einsatz als Therapeutika. Diesen sehen wir daher eher als langfristiges Ziel.

PZ: Gibt es noch andere synthetische Antikörper?

Hamann: In den 1990er-Jahren wurden Aptamere als neue Substanzklasse für Grundlagenforschung, Therapie und Diagnostik entwickelt. Sie können als synthetische Alternative zu Antikörpern verwendet werden. Die Clickmer-Technologie ist eine Weiterentwicklung der Aptamer-Technologie. Darüber hinaus gibt es auch synthetische Peptide, die als Antikörper-Alternative eingesetzt werden können. Diese können allerdings nicht, wie die Clickmere, kostensparend, einfach und schnell generiert werden.

PZ: Zuletzt noch eine Frage zum Namen »Clickmere«: Wie sind Sie denn darauf gekommen?

Hamann: Der Name setzt sich zusammen aus der verwendeten Click-Chemie, die zum Einbringen der chemischen Modifikation dient, und dem Begriff »Aptamer«.

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