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Corona-Krise

Verspätete Krebsdiagnosen befürchtet

Trotz der Pandemie hat die Diagnose und Therapie von Tumorleiden bislang ihren geregelten Lauf genommen. Die Deutsche Krebsgesellschaft fürchtet, dass sich das nun ändert.
Christiane Berg
23.04.2020  17:20 Uhr

»Bislang mussten Krebspatienten im Regelfall keine bedrohlichen Versorgungsengpässe befürchten, doch Einschränkungen durch die Krisensituation sind spürbar«, tielten heute die Deutsche Krebshilfe, das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) und die Deutsche Krebsgesellschaft mit. In Deutschland wurden laut Zahlen der DKG vor Beginn der Coronavirus-Pandemie täglich 1.400 Krebserkrankungen neu festgestellt. Doch Abklärungs- und Früherkennungsuntersuchungen fänden seitdem immer weniger statt. Oftmals entschieden sich die Patienten aus Furcht vor einer Coronavirus-Infektion selbst gegen den Arzt- oder Klinikbesuch. »Es baut sich eine Bugwelle an zu spät diagnostizierten Krebsfällen auf«, so machen die drei Institutionen heute in einer gemeinsamen Pressemitteilung deutlich.

Auch die Versorgung wird weniger engmaschig. »Nicht nur Behandlungsschemata wurden und werden verkürzt oder verschoben beziehungsweise Nachsorgeuntersuchungen vielfach ausgesetzt«, teilen die Fachgesellschaften mit. Grundsätzlich sei die onkologische Therapie in Deutschland während der Covid-19-Pandemie bisher gesichert gewesen. »Inzwischen jedoch erkennen wir, dass das Versorgungssystem spürbar gestresst ist und die Einschränkungen aufgrund der Krisensituation negative Auswirkungen für Krebspatienten haben können«, wird der DKH-Vorstandsvorsitzende, Gerd Nettekoven, zitiert.

Bei Krebsverdacht möglichst schnell zum Arzt

Der Corona-Task Force der drei Institutionen, deren wöchentliche Auswertung unter anderem auf der systematischen Befragung von 18 führenden Krebszentren in Deutschland beruht, seien Stagnationen in mehreren Bereichen der onkologischen Versorgung gemeldet worden. Auch hätte sie Kenntnis von Einzelfällen erhalten, in denen selbst dringlichere Behandlungen verschoben worden sind. »Zudem beobachten wird derzeit, dass Menschen Warn-Symptome nicht ärztlich befunden lassen«, sagt der DKFZ-Vorsitzende Professor Dr. Michael Baumann.

Er betont, dass Patienten die ärztliche Konsultation auch während der Covid-19-Pandemie nicht scheuen dürfen. Untersuchungstermine zur Abklärung verdächtiger Symptome und entsprechende therapeutische Maßnahmen sollten unbedingt durchgeführt werden. »Ein Aussetzen von Früherkennungs- und Diagnosemaßnahmen ist nur über einen kurzen Zeitraum tolerierbar, sonst werden Tumore möglicherweise erst in einem fortgeschrittenen Stadium mit dann schlechterer Prognose erkannt«, warnt der Radioonkologe.

Hilfestellung für verunsicherte Krebspatienten

Die Verunsicherung unter Krebspatienten sei groß: Der Krebsinformationsdienst des DKFZ (0800 - 420 30 40) und das Infonetz Krebs der Deutschen Krebshilfe (0800 - 80 70 88 77) stünden diesen Patienten daher während der Coronavirus-Pandemie mit zusätzlichen Informationen zur Verfügung. Beide Dienste hätten ihre Kapazitäten verstärkt, um den derzeitigen Ansturm von Nachfragen bewältigen zu können.

Dieser Verunsicherung könne auch die Tatsache entgegenwirken, dass die Onkologie mit Blick auf die Pandemie täglich hinzulernt. Sieben führende europäische Krebszentren, darunter das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg, als gemeinsame Einrichtung des DKFZ, des Universitätsklinikums Heidelberg (UKHD) und der DKH, haben ihre Lösungsansätze zur Sicherstellung der Kontinuität der Krebsversorgung jetzt in der Fachzeitschrift »Nature Medicine« veröffentlicht. »Diese Ansätze fließen in Empfehlungen ein, die Krebszentren und Krankenhäuser nutzen können, um ihre Abläufe auch weiterhin pandemiesicher zu gestalten«, wird seitens der DKFZ betont.

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