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Hilfsmittelversorgung 2019

Versicherte zahlen 692 Millionen Euro drauf

Im vergangenen Jahr haben 80 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten mehrkostenfreie Hilfsmitteln wie etwa Hör- oder Gehhilfen bekommen. Immerhin 20 Prozent von ihnen zahlten durchschnittlich 117,75 Euro aus eigener Tasche, um Hilfsmittel zu finanzieren, die eine bessere Qualität als die Kassenmodelle hatten.
Charlotte Kurz
06.07.2020  12:18 Uhr

Die große Mehrheit der gesetzlich Versicherten erhielt 2019 eine mehrkostenfreie Hilfsmittelversorgung durch die Kassen. Dies bedeutet, dass die meisten Versicherten keine Zuzahlung über die geringe Selbstbeteiligung hinaus, für Hilfsmittel wie beispielsweise Inkontinenzeinlagen, Gehhilfen oder Kompressionsstrümpfe leisten mussten. Dies geht aus dem heute veröffentlichten Mehrkostenbericht des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) hervor.

Prinzipiell sollten Versicherte gemäß dem Sachleistungsprinzip eine ausreichende und bedarfsgerechte Versorgung ohne eigene Zuzahlung erhalten. 2017 beschloss der Gesetzgeber das Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz (HHVG), das die Leistungserbringer verpflichtet, gesetzlich Versicherten immer mehrkostenfreie Hilfsmittel anzubieten und über den Versorgungsanspruch zu informieren. Hier wird eine Selbstbeteiligung von mindestens 5 Euro, höchstens aber 10 Euro für jedes Hilfsmittel vorgesehen.

In den vergangenen Jahren wurde aber immer wieder Kritik laut, dass die von der Kasse bezahlten Hilfsmittel nicht der benötigten Qualität entsprächen und Patienten sich deswegen häufig dafür entschieden, selbst draufzuzahlen. 2019 zahlten laut GKV-Spitzenverband 20 Prozent durchschnittlich 117,75 Euro aus eigener Tasche, um benötigte Hilfsmittel zu finanzieren. Im Vergleich zum Vorjahr sank damit die Zahl der Kassenpatienten, die sich für eine mehrkostenfreie Hilfsmittelversorgung entschieden, von 82 auf 80 Prozent.

Bei Einlagen zahlen Versicherte am häufigsten drauf

Bei insgesamt 29 Millionen erbrachten Hilfsmittelversorgungen, dokumentierte der GKV-Spitzenverband 5,9 Millionen Versorgungen mit privaten Zuzahlungen. Insgesamt bezahlten die Versicherten also 692 Millionen Euro aus eigener Tasche. Um bessere Einlagen zu erhalten, war mehr als die Hälfte der Versicherten bereit, eine Zuzahlung zu leisten (53 Prozent). Bei keinen anderen Hilfsmitteln war die Bereitwilligkeit Mehrkosten selbst zu tragen so hoch. Im Hinblick auf die Hilfsmittel zur Kompressionstherapie waren es knapp ein Drittel (31 Prozent), bei Bandagen immerhin noch 20,5 Prozent der Versicherten, die nicht zufrieden mit dem Angebot der Kassen waren. Und 17,5 Prozent der Patienten zahlten etwas zu benötigten Inkontinenzhilfen hinzu. Wie viel die Versicherten pro Hilfsmittel bezahlten, fiel dabei sehr unterschiedlich aus. Am teuersten waren Hörhilfen, hier lag der durchschnittliche Eigenanteil bei 1081,91 Euro. Inkontinenzhilfen sind demnach mit 107,67 Euro deutlich günstiger, Einlagen kosteten durchschnittlich 29,60 Euro, Kompressionshilfen 25,20 Euro und Bandagen 19,02 Euro.

Gernot Kiefer, stellvertretender GKV-Vorstandsvorsitzender hob hervor: »In manchen Fällen ist und bleibt es eine schwierige Abgrenzung zwischen dem, was medizinisch notwendig ist und damit solidarisch finanziert wird, und dem, was mehr in den Bereich der Komfortleistungen gehört.« Diese Abgrenzung bleibe immer wieder eine Herausforderung. Als Beispiel nennt er etwa Hörhilfen. Gutes Hören solle von der Solidargemeinschaft finanziert werden, der perfekte Klang für einen Opernbesuch sei aber eher eine Komfortleistung, so Kiefer. Er betont jedoch: »Mir ist wichtig: Jede oder jeder gesetzlich Versicherte hat das Recht auf eine mehrkostenfreie Versorgung auch mit Hörhilfen.«

Bereits zum zweiten Mal hat der GKV-Spitzenverband den Mehrkostenbericht veröffentlicht, für den er rund 95 Prozent der Abrechnungsdaten aus dem Jahr 2019 auswertete. Ziel der Analyse ist es, mehr Transparenz rund um die Hilfsmittelzahlungen zu schaffen.

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