Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

AMTS
-
Verordnungskaskaden – Absicht oder nicht?

Schwindel, Schlafstörungen, Gedächtnisschwierigkeiten – viele Symptome können Nebenwirkungen sein, die mitunter nicht als solche erkannt, sondern mit dem nächsten Arzneimittel behandelt werden. Worauf Apotheker achten sollen, um Verordnungskaskaden aufzudecken und richtig einzuschätzen.
AutorKontaktDaniela Hüttemann
Datum 07.04.2026  09:00 Uhr

Von der Blasenschwäche zur Scheindemenz

Peters hatte ein zweites Patientenbeispiel dabei. Der 70-jährige Herr Y. kam mit seiner Tochter und einem neuen Rezept für Galantamin aufgrund des Verdachts auf eine beginnende Demenz. Er »schmatzte« während der Unterhaltung, wirkte orientierungslos und gangunsicher.

Die Apothekerin vermutete aufgrund dieser Symptomkombination anticholinerge Nebenwirkungen und wurde bei einem Blick auf den Medikationsplan fündig. Oxybutynin gehörte zu den Verdächtigen, ebenso Hydrochlorothiazid in einer Dosierung von 25 mg – zumal die vorliegenden Werte auch eine Hypokaliämie und eher niedrigen Blutdruck zeigten.

Sechs Fragen bei Verordnungskaskaden

Wie geht man vor, um einen solchen Verdacht abzuklären und gegebenenfalls an den Arzt zu kommunizieren? Peters empfahl dafür eine Herangehensweise, die 2022 im »Deutschen Ärzteblatt International« in einem Reviewartikel empfohlen wurde. Dazu stellt man sich sechs Fragen:

  1. Hat das auslösende Arzneimittel eine klinisch relevante unerwünschte Arzneimittelwirkung (UAW) oder das Risiko einer UAW verursacht?
  2. Ist das auslösende Arzneimittel weiterhin indiziert?
  3. Kann eine UAW vermieden werden, indem die Behandlung mit dem auslösenden Arzneimittel angepasst wird oder
  4. indem stattdessen auf ein anderes Arzneimittel umgestellt wird?
  5. Kann das zur Behandlung der UAW eingesetzte Arzneimittel tatsächlich einen positiven Einfluss darauf haben?
  6. Überwiegen die Vorteile der Verschreibungskaskade deren Risiken?

Bei Punkt 1 erfolgt zunächst ein Blick in die Fachinformation und Literatur. Die Ermittlung eines Kausalzusammenhangs zwischen Arzneimitteleinnahme und Ereignis kann ansonsten über den sogenannten Naranjo-Score ermittelt werden (siehe Kasten). Bei Oxybutynin ist es relativ wahrscheinlich, dass es anticholinerge Wirkungen wie Verwirrheit und Mundtrockenheit (Schmatzen) auslöst. 

Mehr von Avoxa