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Topiramat

Verdiente Top-Platzierung

Im Jahr 1999 wurde Topiramat mit dem PZ-Innovationspreis ausgezeichnet. Pleiotrope Wirkungen und eine interessante chemische Struktur brachten dem Wirkstoff diese Auszeichnung ein. Zwanzig Jahre später ist es ein etabliertes Antiepileptikum und seit Langem auch zur Migräneprophylaxe zugelassen. Zweifelsohne zählt Topiramat zu den beratungsintensiven Arzneistoffen in der Apotheke.
Sven Siebenand
07.02.2019  17:00 Uhr

Allein die Molekülstruktur macht Topiramat zu etwas Besonderem: Kein anderes zugelassenes Antiepileptikum ähnelt chemisch betrachtet diesem Fructose-Derivat. Eingesetzt wird es bei fokalen sowie generalisierten Anfällen als Mono- oder Zusatztherapeutikum. Trotz der Tatsache, dass Topiramat schon mehr als zwei Jahrzehnte auf dem Markt ist, ist der genaue Wirkmechanismus der Substanz bis heute nicht aufgeklärt.

Elektrophysiologische und biochemische Studien konnten verschiedene Eigenschaften identifizieren, die zur antiepileptischen Wirksamkeit von Topiramat beitragen. Drei davon sind besonders wichtig: Erstens blockiert Topiramat – wie andere Antiepileptika – spannungsabhängige Natriumkanäle und stabilisiert damit das Membranpotenzial. Zweitens erhöht der Wirkstoff die Wirkung des inhibitorischen Neurotransmitters γ-Aminobuttersäure (GABA) und drittens verringert er als Antagonist an Glutamat-Rezeptoren vom Kainat/AMPA-Typ die neuronale Exzitation.

Last but not least inhibiert der Arzneistoff einige Isoenzyme der Carboanhydrase. Dieser pharmakologische Effekt ist aber deutlich schwächer als der von Acetazolamid und wird nicht als Hauptkomponente der antiepileptischen Aktivität von Topiramat angesehen. Aufgrund der Carboanhydrase-Hemmung ist eine adäquate Flüssigkeitszufuhr während der Anwendung von Topiramat aber besonders wichtig, damit das Risiko einer Nierensteinbildung reduziert wird.

Auch bei einer Reihe weiterer Erkrankungen wird der Einsatz von Topiramat propagiert, etwa als Prophylaxemittel bei Cluster-Kopfschmerz, als Behandlungsoption bei Alkoholabhängigkeit oder als Schlankheitsmittel. Eine Zulassung in diesen Anwendungsgebieten besteht in Deutschland jedoch nicht. Tatsache ist aber zum Beispiel, dass manche Patienten während der Behandlung mit Topiramat einen Gewichtsverlust verzeichnen. Der genaue Wirkmechanismus ist unklar. Diskutiert wird zum Beispiel eine Erhöhung des Sättigungsgefühls. Hinzu kommt, dass Topiramat nach dem Genuss kohlensäurehaltiger Getränke einen metallischen Geschmack im Mund erzeugt. Patienten könnten auch deshalb von weiteren, kalorienreichen Softdrinks die Finger lassen. In den USA ist das Kombipräparat Qsymia® als Mittel zum Abnehmen zugelassen. Neben Topiramat ist darin der Wirkstoff Phentermin enthalten.

Erhöhtes Risiko für Fehlbildungen 

Vor dem Behandlungsstart mit Topiramat ist bei Frauen im gebärfähigen Alter ein Schwangerschaftstest durchzuführen. Darüber hinaus ist die Patientin im Hinblick auf eine hoch wirksame Verhütungsmethode zu beraten. Die Patientin muss über die Risiken in Zusammenhang mit der Anwendung von Topiramat während der Schwangerschaft aufgeklärt werden. Klinische Daten aus Schwangerschaftsregistern weisen darauf hin, dass für Säuglinge, die einer Monotherapie mit Topiramat ausgesetzt waren, ein erhöhtes Risiko für kongenitale Fehlbildungen, etwa einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, besteht.

Auch in Sachen Wechselwirkungen ist der geschulte Blick des Apothekers gefragt: Das gilt unter anderem bereits bei anderen Antiepileptika, die zusätzlich zu Topiramat gegeben werden. Phenytoin und Carbamazepin reduzieren die Plasmakonzentration von Topiramat. Das heißt, die Zugabe oder das Absetzen dieser beiden Wirkstoffe kann eine Anpassung der Topiramat-Dosierung erfordern. 

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