| Theo Dingermann |
| 26.06.2026 16:20 Uhr |
Chinas wachsende Bedeutung im Biotech-Bereich veranlasst die USA zum Handeln. / © Imago/Zoonar
In den USA wächst die Skepsis gegenüber den Ambitionen Chinas im Bereich Biotechnologie und Pharma. Der 2025 verabschiedete Biosecure Act scheint seine erhoffte Wirkung in vielen Bereichen zu verfehlen. Daher diskutieren Kongress und Bundesregierung bereits weitergehende gesetzliche und regulatorische Maßnahmen, während gleichzeitig die Attraktivität des Forschungs- und Entwicklungsstandorts USA gestärkt werden soll.
Ausgangspunkt der Debatte ist die Erkenntnis, dass sich Chinas biopharmazeutischer Sektor trotz der Restriktionen dynamisch weiterentwickelt hat. Besonders eindrucksvoll illustrieren dies die internationalen Lizenzgeschäfte chinesischer Unternehmen: Lag deren Volumen 2024 noch bei rund 52 Milliarden US-Dollar, stieg es 2025 bereits auf 136 Milliarden US-Dollar. Allein im ersten Quartal 2026 wurden weitere 60 Milliarden US-Dollar erreicht. Diese Zahlen unterstreichen, dass chinesische Biotech-Unternehmen längst zu ernsthaften Innovationspartnern globaler Pharmakonzerne geworden sind und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit weiter ausbauen.
Viele US-Abgeordnete sehen deshalb den Biosecure Act als unzureichend an, berichtet das Biotech-News-Magazin STAT aktuell. Im Gesetzgebungsverfahren war die ursprünglich deutlich strengere Vorlage erheblich abgeschwächt worden. Das verabschiedete Gesetz untersagt US-Unternehmen lediglich, für Regierungsaufträge mit bestimmten auf einer Sanktionsliste stehenden chinesischen Firmen zusammenzuarbeiten.
Für kommerzielle Geschäfte außerhalb staatlicher Aufträge bestehen dagegen weiterhin Möglichkeiten. Zudem gewährt das Gesetz eine Übergangsfrist von fünf Jahren und eröffnet den betroffenen Unternehmen rechtliche Möglichkeiten, ihre Einstufung als »Companies of Concern« anzufechten. Nach Ansicht vieler Sicherheitspolitiker reicht dieses Instrumentarium nicht aus, um die technologische Abhängigkeit von China wirksam zu reduzieren.
Vor diesem Hintergrund richtet sich der Blick nun auf den Comprehensive Outbound Investment National Security Act (COINS Act). Dieses Gesetz regelt bislang Investitionen amerikanischer Unternehmen in sicherheitsrelevante Technologiebereiche wie Künstliche Intelligenz oder Halbleitertechnologien in sogenannten Ländern von besonderem Interesse. Mehrere Abgeordnete fordern nun, den Anwendungsbereich ausdrücklich auf die Biotechnologie auszuweiten. Ein entsprechender Gesetzentwurf sieht vor, Arzneimittelentwicklung, Biologika-Produktion sowie klinische Forschung in den Prüfkatalog aufzunehmen.
Parallel wächst der Druck auf das US-Finanzministerium, Biotechnologie bereits auf dem Verordnungsweg in die Investitionskontrolle einzubeziehen. Die geplante Veröffentlichung entsprechender Regelungen könnte allerdings durch die diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Peking verzögert werden.
Die politische Sorge speist sich jedoch nicht nur aus ökonomischen Entwicklungen, sondern zunehmend auch aus der wissenschaftlichen Dynamik Chinas. Nach Angaben des Haushaltsausschusses des Repräsentantenhauses stammten 2020 weniger als fünf Prozent aller weltweit lizenzierten innovativen Arzneimittel aus China; bis 2025 war dieser Anteil auf nahezu 50 Prozent angestiegen. Parallel wächst in Washington die Skepsis gegenüber klinischen Studien, die ausschließlich in China durchgeführt werden. Kritisiert wird insbesondere, dass viele dieser Studien von der FDA nicht direkt inspiziert werden können und deshalb Fragen hinsichtlich Patientensicherheit, regulatorischer Transparenz und staatlicher Einflussnahme offenbleiben. Als Reaktion fordert der Haushaltsausschuss in einem begleitenden Bericht zum FDA-Budget, künftig keine ausschließlich in China erhobenen Studiendaten mehr für Zulassungsverfahren zu akzeptieren.
Gleichzeitig mahnen zahlreiche Experten, dass eine rein restriktive Strategie nicht ausreichen werde. Vertreter des Council on Foreign Relations und der Biotechnology Innovation Organization argumentieren, die USA müssten vor allem ihre eigenen Innovationsbedingungen verbessern. Dazu gehörten schnellere regulatorische Verfahren, effizientere Genehmigungsprozesse für frühe klinische Studien sowie geringere Entwicklungskosten. Die FDA hat bereits reagiert und ein Pilotprogramm gestartet, das Entwicklungszeiten in der frühen klinischen Phase um sechs bis zwölf Monate verkürzen soll. Diese Maßnahmen sollen den Forschungsstandort USA attraktiver machen, ohne zusätzliche milliardenschwere Förderprogramme vorauszusetzen.
Langfristig, so die Einschätzung vieler Beobachter, werde dies allerdings nicht genügen. Um die technologische Führungsrolle der Vereinigten Staaten dauerhaft zu sichern, seien erhebliche öffentliche Investitionen erforderlich, vergleichbar mit dem CHIPS and Science Act, der die amerikanische Halbleiterindustrie mit mehr als 50 Milliarden US-Dollar unterstützt.
Kritisch wird in diesem Zusammenhang die aktuelle Wissenschaftspolitik der Trump-Regierung bewertet. Kürzungen bei der Forschungsförderung sowie Einschränkungen bei Arbeitsvisa für internationale Wissenschaftler könnten die internationale Wettbewerbsfähigkeit der USA zusätzlich schwächen und talentierte Forschende ins Ausland treiben.