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Selbstmedikationsprojekt
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Tipps für die OTC-Beratung

Das OTC-Geschäft steht durch den Onlinehandel unter Druck. Wie die Apotheke sich hier gut positionieren und ihre Stärken ausspielen kann, wurde am Wochenende beim Selbstmedikationsprojekt von Apothekerkammer und -verband in Nordrhein diskutiert.
AutorAlexander Müller
Datum 23.03.2026  10:22 Uhr

Armin Hoffmann, Präsident der Apothekerkammer Nordrhein (AKNR) sowie der Bundesapothekerkammer (BAK), betonte die Bedeutung der Selbstmedikation für das Gesundheitssystem: 134 Millionen ärztliche Stunden würden dadurch eingespart, die Krankenkassen um 16 Milliarden Euro entlastet. Und für die Kolleginnen und Kollegen vor Ort könne das OTC-Geschäft eine Chance sein, den Berufsstand neu zu positionieren.

Das Selbstmedikationsprojekt  besteht aus mehreren Modulen. Neben den Kick-off-Veranstaltungen wie am Wochenende zum zweiten Mal in der Zeche Zollverein in Essen gibt es Schulungsvideos als »Fortbildungsnuggets« sowie Team-Coachings in der Offizin.

»Selbstmedikation ist nicht mehr nur Randthema, sondern Ausdruck des Vertrauens des Patienten in unsere Kompetenz und die Apotheke vor Ort«, so Hoffmann. Als häufig erster Kontaktpunkt im Gesundheitssystem komme ihr eine wichtige Lotsenfunktion zu. Diese Bedeutung werde im politisch angestrebten Primärversorgungssystem noch wachsen. Dazu passt laut Hoffmann der Ausbau der pharmazeutischen Dienstleistungen (pDL).

Dienstleistungen werden wichtiger

Sebastian Berges, stellvertretender Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein (AVNR), gratulierte den rund 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die sich für das Wochenendseminar angemeldet hatten: »Ihr habt die Chance erkannt, die in der Selbstmedikation liegt! Sie wird immer wichtiger für uns werden, auch als Dienstleistungen über die Packung hinaus.«

Der Gesundheitsökonom Andreas Kaapke mahnte aber, dass im Rahmen der Primärversorgung »nicht wieder Leistungen in die Apotheke getrieben werden, ohne dass sich das ökonomisch niederschlägt«. Der Staat müsse hin und wieder daran erinnert werden, dass er im Rahmen seiner Gestaltungsfunktion regulierend eingreifen müsse, wenn er eine eigenständige Betriebsform für den Vertrieb des Arzneimittels vorsieht. Mit anderen Worten: Das Honorar muss auskömmlich sein.

An die mehrfach versprochene Erhöhung des Fixums auf 9,50 Euro glaubt Kaapke erst, wenn sie wirklich umgesetzt ist. Eine »vernünftige, dauerhafte und regelhafte Verhandlungslösung« hält der Ökonom aber ohnehin »für den noch wichtigeren Punkt«. In dem Zusammenhang lobt Kaapke den Deutschen Apothekerverband (DAV) dafür, den Vertrag über die pDL-Honorierung gekündigt zu haben.

Immer die beste Therapie empfehlen

Kathrin Luboldt (AKNR) und Julian Gorski (Upscale Pharma) erklärten in ihrem Vortrag, warum die Selbstmedikation »unsere Königsdisziplin ist«. Um dem eigenen Team die Scheu vor Zusatzverkäufen zu nehmen, helfe häufig eine einfache Frage: »Wie würden wir einen guten Freund oder ein Familienmitglied beraten?« Die Antwort laute eigentlich immer: »Mit der bestmöglichen Therapie!« Der Preis sei dann gar nicht mehr so entscheidend. Und im Wechselspiel zwischen OTC, Rx, pDL und der elektronischen Patientenakte (ePA) gebe es zahllose Anknüpfungspunkte für Beratungsgespräche.

Wie solche Gespräche möglichst gut geführt werden, brachte Anke Kock den Teilnehmenden näher. Ein guter Einstieg und Beleg für aufrichtiges Interesse ist aus ihrer Sicht die Frage: »Was haben Sie selbst schon dagegen unternommen?« Über die Dauer der Beschwerden lasse sich auch häufig eine Beratung zu Prophylaxe-Optionen anschließen. Ihr Tipp: Um mit dem Kunden auf Augenhöhe zu kommunizieren, sei es immer gut, das Einverständnis für eine weitergehende Beratung einzuholen.

Mikronährstoffe zur Therapieunterstützung

Apotheker Ansgar Eich eröffnete den zweiten Tag mit einem Fachvortrag über Mikronährstoffe und die richtige Beratung dazu. »Mikronährstoffmedizin ist keine Esoterik«, so Eich. Es handele sich um altbekannte Methoden und eine »Riesenwaffe in der Pharmakologie«.

Die massenhaft verordneten Protonenpumpenhemmer etwa führten schnell zu einem Vitamin-B12-Mangel – ein eigenständiger Risikofaktor für neurodegenerative Erkrankungen. Vitamin- B12-Lutschtabletten funktionieren nach seiner Erfahrung gut für Patienten, die sich nicht regelmäßig in der Praxis spritzen lassen wollen. Sein zweites anschauliches Beispiel war die Beratung zu Diuretika wie Furosemid oder HCT. Dem massiven Elektrolytverlust könne man fast immer bedenkenlos mit der Einnahme von Magnesiumcitrat 3x150mg/täglich begegnen.

Im anschließenden Workshop erarbeiteten Julian Gorski und Marc Burger mit den Teilnehmenden noch klassische Eröffnungsfragen und besprachen typische Hürden der Beratung. Dazu zählen Widerstände beim Kunden ebenso wie innere Blockaden auf Seiten des Teams. Janet Olgemöller zeigte den Kolleginnen und Kollegen in ihrem Workshop, wie sie die eigenen Social-Media-Kanäle einfach bespielen können. »Videos sind die Königsdisziplin«, so Olgemöller.

Gegen den »Beratungsklau«

Zum Abschluss diskutierten Olgemöller, Kaapke und Berges mit Patientenvertreterin Sabine Härter und Lutz Boden (Pharma Deutschland) über den »Beratungsklau« durch den Versandhandel sowie den Effekt von OTC-Switches auf den Apothekenmarkt. Als Option wurde verhandelt, den Apotheken auch im Bereich der Selbstmedikation eine Art Beratungspauschale zuzugestehen.

Kammer und Verband wollen ihr OTC-Projekt fortsetzen. Apothekenteams können zu jedem Zeitpunkt in das modulare System einsteigen. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage der AKNR.

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