| Brigitte M. Gensthaler |
| 13.08.2026 07:00 Uhr |
Ein kleinzelliges Lungenkarzinom ist ein sehr aggressiver Tumor und wird oft erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt. Die Prognose der Patienten ist schlecht. / © Getty Images/boonchai wedmakawand
Das Medikament Imdylltra® (Pulver zur Herstellung eines Konzentrats und Lösung zur Herstellung einer Infusionslösung, Amgen) ist zugelassen als Monotherapie für Erwachsene mit kleinzelligem Lungenkarzinom im fortgeschrittenen Stadium (Extensive-Stage Small Cell Lung Cancer, ES-SCLC). Es ist eine Zweitlinientherapie, denn die Medikation darf nur angewendet werden, wenn der Krebs während oder nach einer platinhaltigen Erstlinienbehandlung fortschreitet und die Patienten eine systemische Therapie benötigen.
Zum Therapiestart wird eine Anfangsdosis von 1 mg intravenös gegeben, gefolgt von 10 mg als einstündige Infusion an den Tagen 8 und 15 sowie danach alle zwei Wochen. Es gibt keine Empfehlungen zur Dosisreduktion für ältere Patienten oder Menschen mit Nieren- oder Leberfunktionsstörungen.
Nach den ersten beiden Infusionen sind die Patienten für sechs bis acht Stunden zu überwachen und bekommen als Begleitmedikation Dexamethason vor und NaCl-Lösung nach der Infusion.
Das Medikament muss vor der Applikation rekonstituiert und danach weiter verdünnt werden. Die Fachinformation gibt dazu exakte Hinweise.
Die Prä- und Postmedikation soll das Risiko eines Zytokinfreisetzungssyndroms (CRS) reduzieren. Dieses kann mit Problemen wie Fieber, Hypotonie, Hypoxie, Ermüdung, Tachykardie, Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Übelkeit und Erbrechen einhergehen.
Ebenfalls zu beachten ist das Immuneffektorzell-assoziierte Neurotoxizitätssyndrom (ICANS), das noch mehrere Wochen nach der Anwendung von Tarlatamab auftreten kann. Anzeichen sind unter anderem Kopfschmerzen, Enzephalopathie, Verwirrtheit, Delir, Krampfanfall, Ataxie, Neurotoxizität und Tremor.
Beide Komplikationen können lebensbedrohlich oder tödlich verlaufen. Die Fachinformation enthält Empfehlungen zur Therapie von CRS und ICANS.
Neben der Überwachung in der Klinik ist es wichtig, dass Patienten und Betreuungspersonen die Symptome dieser Syndrome im ambulanten Bereich kennen und wissen, dass sie bei ersten Anzeichen zum Arzt gehen müssen. Darüber müssen sie explizit aufgeklärt werden.
Der Antikörper Tarlatamab zählt zu den bispezifischen T-Zell-Engagern (BiTE®-Molekül). Was bedeutet das?
Tarlatamab bindet zum einen an den Delta-like-Liganden 3 (DLL3), der bei nahezu allen SCLC-Patienten auf der Oberfläche der Tumorzellen zu finden ist. Bei gesunden Zellen wird das Protein nur intrazellulär exprimiert. Zudem bindet der Antikörper an das Transmembranprotein CD3 auf der Oberfläche von T-Zellen und bringt damit die T-Zelle mit der Tumorzelle zusammen.
Die aktivierten T-Zellen kurbeln die Produktion von inflammatorischen Zytokinen sowie die Freisetzung zytotoxischer Proteine an, was dann zur Lyse der Krebszellen führt. Häufig wurden Anti-Drug-Antikörper (ADA) nachgewiesen. Nach bisherigen (begrenzten) Daten haben diese keinen Einfluss auf Pharmakokinetik, Wirksamkeit oder Sicherheit des Medikaments.
Zulassungsrelevant in Europa ist die randomisierte offene Phase-III-Studie DeLLphi-304 (DOI: 10.1056/NEJMoa2502099) mit 509 Patienten mit platinresistentem ES-SCLC. Die Patienten erhielten randomisiert Tarlatamab oder eine Standard-Chemotherapie mit Topotecan, Lurbinectedin oder Amrubicin. Der primäre Endpunkt war das Gesamtüberleben (OS). Zu den sekundären Endpunkten zählte unter anderem das progressionsfreie Überleben (PFS).
Tarlatamab verlängerte das Gesamtüberleben signifikant gegenüber der Chemotherapie (median 13,6 versus 8,3 Monate). Das progressionsfreie Überleben war median um einen Monat länger (4,2 versus 3,2 Monate); zudem besserten sich die krebsbedingte Dyspnoe und der Husten signifikant stärker. Der Überlebensvorteil war auch bei Patienten mit schlechten prognostischen Faktoren wie einer Platinresistenz oder Hirnmetastasen nachweisbar.
Gemäß einer Post-hoc-Analyse ging das Tumorvolumen im Gehirn bei 56 Prozent der Patienten mit Hirnmetastasen unter Tarlatamab um mehr als 30 Prozent zurück (versus 38 Prozent unter Chemotherapie). 15 Prozent erreichten sogar ein komplettes Ansprechen des ZNS-Befalls (versus 5 Prozent).
Unerwünschte Ereignisse (UAW) von Grad 3 oder höher waren unter Tarlatamab weniger häufig als bei Chemotherapie (54 versus 80 Prozent). Zudem brachen weniger Patienten die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab (5 versus 12 Prozent).
Die häufigsten Nebenwirkungen in Studien mit SCLC-Patienten sind CRS (56,7 Prozent), Appetitlosigkeit (36,4 Prozent) sowie Fieber und Störungen des Geschmackssinns (31 bis 32 Prozent); mit einer Häufigkeit von 30 Prozent und weniger folgen Obstipation, Anämie, Ermüdung, Übelkeit, Asthenie, Neutropenie, Hyponatriämie, Kopfschmerzen und Lymphopenie. Die häufigsten schwerwiegenden UAW sind CRS und Fieber.
Bei Frauen im gebärfähigen Alter muss der Schwangerschaftsstatus vor Therapiebeginn überprüft werden. Sie müssen während der Behandlung und bis zwei Monate nach der letzten Tarlatamab-Dosis zuverlässig verhüten. Das Stillen soll während der Behandlung und für mindestens zwei Monate nach der letzten Dosis unterbrochen werden.
Tarlatamab markiert einen wichtigen Fortschritt in der Behandlung des kleinzelligen Lungenkarzinoms (SCLC), einer Tumorentität, die Therapeuten noch immer große Probleme bereitet. Besonders im Rezidiv nach platinbasierter Erstlinientherapie plus Checkpoint-Inhibitor sind die Behandlungsmöglichkeiten bislang begrenzt und die Prognose ungünstig.
Das Wirkprinzip von Tarlatamab ist neu. Als bispezifischer T-Zell-Engager bindet der Antikörper gleichzeitig an DLL3 auf Tumorzellen und an CD3 auf T-Lymphozyten. Dadurch werden T-Zellen direkt an die Krebszelle herangeführt und zur gezielten Zerstörung aktiviert. DLL3 eignet sich als Zielstruktur besonders gut, da das Protein bei der Mehrzahl der SCLC-Tumoren stark exprimiert wird. Dieser Mechanismus eröffnet also einen neuen immuntherapeutischen Ansatz.
Auch das Einsatzgebiet unterstreicht die Bedeutung der Substanz und rechtfertigt die vorläufige Bewertung als Sprunginnovation. Patienten mit vorbehandeltem SCLC haben häufig eine schlechte Prognose und sprechen auf verfügbare Therapien nur kurzzeitig an. Der Bedarf an wirksamen neuen Optionen ist daher außerordentlich hoch. Tarlatamab adressiert genau diese therapeutische Lücke.
Das Ergebnis der Phase-III-Studie DeLLphi-304 kann sich sehen lassen: Das mediane Gesamtüberleben betrug unter Tarlatamab 13,6 Monate, im Kontrollarm mit Standardtherapie lag es bei 8,3 Monaten. Für das rezidivierte SCLC bedeutet ein Überlebensgewinn von mehr als fünf Monaten durchaus einen relevanten Therapieeffekt.
Ebenfalls positiv ist, dass inzwischen aus einer Post-hoc-Auswertung von DeLLphi-304, die beim ASCO 2026 vorgestellt wurde, konkrete Hinweise auf eine intrakranielle Wirksamkeit vorliegen. Bestätigen sich diese Hinweise, wäre das ein weiterer Grund für die Einstufung als Sprunginnovation.
Sven Siebenand, Chefredakteur