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Hormone

Super-Androgene, super einflussreich

Die Nebennieren produzieren Androgene, die noch stärker wirksam sind als Testosteron – auch bei Frauen. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie weist in einer Pressemitteilung auf mögliche Gesundheitsrisiken dieser bislang wenig erforschten Substanzklasse hin.
Sven Siebenand
20.02.2020  11:00 Uhr

Die Nebennieren gehören zu den wichtigsten Hormonproduzenten beim Menschen. In der Nebennierenrinde werden zum Beispiel auch männliche Geschlechtshormone hergestellt. Laut Professor Dr. Stefan A. Wudy von der Universität Gießen hat man das Augenmerk bisher nur auf sehr schwache Androgene, die in der Nebennierenrinde produziert werden, gerichtet. Es gebe jedoch eine weitere Gruppe, sogenannte 11-oxygenierte Androgene. Als bioaktiv gelten beispielsweise 11β-Hydroxytestosteron und 11-Ketotestosteron. Aufgrund ihrer besonders starken Wirkung werden sie als Super-Androgene bezeichnet.

Interessanterweise wurden diese Super-Androgene bereits vor 60 Jahren beim Menschen entdeckt, gerieten laut Wudy jedoch wieder in Vergessenheit. Ihre starke Wirkung wurde erst in jüngster Zeit von Meeresbiologen bei Knochenfischen entdeckt. Seither beschäftigen sich auch Hormonforscher wieder verstärkt mit ihnen. Wudy ist davon überzeugt, dass auf dem Gebiet der Wirkung männlicher Hormone die herkömmlichen Lehrbücher umgeschrieben werden müssen.

Erkrankungen der Nebennieren können dazu führen, dass die Produktion dieser Hormone aus dem Ruder läuft. Die möglichen Folgen – für Männer und Frauen – werden derzeit von Endokrinologen diskutiert. »Super-Androgene könnten bei jungen Mädchen zu Störungen der Pubertät führen«, so Wudy. Bei geschlechtsreifen Frauen könnten sie beispielsweise am polyzystischen Ovarsyndrom (PCOS) beteiligt sein. Unter einem PCOS leiden bis zu 15 Prozent aller Frauen. Viele Betroffene haben Menstruationsstörungen, ein Kinderwunsch bleibt unter Umständen unerfüllt. Ferner sind viele Frauen mit PCOS fettleibig, haben erhöhte Blutzucker- und Blutfettwerte und erkranken an einem Typ-2-Diabetes. Auch bei der Entstehung verschiedener Krebsarten diskutieren Forscher einen Einfluss der Super-Androgene, zum Beispiel bei Prostatakrebs.

Auch Professor Dr. Matthias M. Weber von der Universität Mainz ist von der Bedeutung der Super-Androgene überzeugt. Er bedauert, dass derzeit noch kein geeigneter Test zur Verfügung steht, mit dem sich routinemäßig die Konzentration der 11-oxygenierten Androgene im Blut bestimmen lässt. »Wir hoffen jedoch, dass sich dies bald ändert. Dann wird sich zeigen, wie Super-Androgene in den Hormonstoffwechsel eingreifen und für welche Komplikationen sie verantwortlich sind.«

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