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Primärversorgungssystem 
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Studie weckt Zweifel an Steuerung durch Hausarzt 

Die Bundesregierung möchte ein Primärversorgungssystem einführen, in dem die Hausärzte eine steuernde Rolle einnehmen. Doch eine neue Auswertung von Daten der Techniker Krankenkasse (TK) zeigt jetzt, dass ein solches System sogar Mehrkosten verursachen könnte. 
AutorKontaktLukas Brockfeld
Datum 02.06.2026  16:20 Uhr

Das deutsche Gesundheitssystem ächzt unter den Folgen des demografischen Wandels. Die Wartezeiten, insbesondere auf Facharzttermine, werden daher immer länger. Die Bundesregierung möchte daher ein Primärversorgungssystem einführen. Patientinnen und Patienten sollen zuerst ihren Hausarzt aufsuchen, und von diesem nur bei Bedarf an einen Facharzt verwiesen werden. Das neue System soll Wartezeiten und Kosten verringern. 

Über die konkrete Gestaltung des Primärversorgungssystems wird noch diskutiert. Doch eine neue Studie weckt jetzt Zweifel, ob eine hausarztzentrierte Versorgung wirklich effizienter ist. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Hamburg Center for Health Economics (HCHE) haben dafür die in 13 Bundesländern geltenden Verträge der Techniker Krankenkasse (TK) mit den regionalen Hausarztverbänden untersucht.

In diesen Verträgen verpflichten sich die teilnehmenden Patientinnen und Patienten dazu, im Krankheitsfall immer zuerst eine bestimmte Hausärztin oder einen bestimmten Hausarzt aufzusuchen. Sie wurden so freiwillig Teil einer Hausarztzentrierten Versorgung (HzV), die oft als Vorbild für ein mögliches Primärversorgungssystem diskutiert wird. 

Mehr Arztbesuche und höhere Kosten 

Für die Studie wurde die Versorgungssituation von TK-Versicherten, die an der HzV teilnehmen, mit TK-Versicherten, die nicht daran teilnehmen, verglichen. Beide Gruppen wurden nach Angaben der TK statistisch so zusammengesetzt, dass sie mit Blick auf demografische und gesundheitliche Merkmale identisch und damit vergleichbar sind.  Die statistische Analyse zeigte: Die Zahl der Praxisbesuche ist in der HzV-Gruppe sogar um 1,2 Facharztkontakte pro Teilnehmenden und Jahr leicht höher.

Allein bei der TK führt die HzV demnach zu 1,5 Millionen zusätzlichen Facharztbesuchen jedes Jahr. Die Zahl der Hausarztkontakte bleibt nahezu unverändert (- 0,2 Hausarztkontakte pro Teilnehmenden und Jahr). Die enge Betreuung durch den HzV-Hausarzt oder die -Hausärztin führt nicht dazu, dass Krankenhausaufenthalte vermieden werden. So zeigt die Datenauswertung der TK-Versicherten, dass die Wahrscheinlichkeit, ins Krankenhaus aufgenommen zu werden, mit der HzV-Teilnahme nahezu unverändert bleibt.

Des Weiteren hat die Evaluation die Qualität der Arzneimittelverordnungen untersucht. Dabei war keine wesentliche Verbesserung zur Regelversorgung festzustellen. Bei den HzV-Teilnehmenden der TK ist die Zahl der Krankengeldtage fünf Millionen Tage im Jahr höher als bei der Vergleichsgruppe in der Regelversorgung: Die Teilnehmenden beziehen im Jahresdurchschnitt vier Tage länger Krankengeld als vergleichbare Versicherte ohne HzV.

Mehr Verbindlichkeit 

Die Studie zeigte außerdem, dass die HzV zu hohen Mehrkosten in allen Leistungsbereichen in Höhe von 122 Euro pro Teilnehmenden und Jahr führt: Für alle Teilnehmenden addieren sich bei der TK die Mehrkosten auf insgesamt 160 Millionen Euro im Vergleich zu Nicht-HzV-Versicherten. Einen Mehrwert in Form einer besseren Versorgungssteuerung konnte die Studie nicht nachweisen. Bezogen auf die aktuell rund elf Millionen HzV Teilnehmenden in Deutschland ergeben sich daraus hochgerechnet Mehrkosten von etwa 1,3 Milliarden Euro im Jahr.

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der TK, Thomas Ballast, unterstützt die Idee einer besseren Patientensteuerung jedoch weiterhin. »Die Hausärzte sind das Rückgrat der medizinischen Versorgung in Deutschland. Gleichzeitig brauchen wir ein durchdachtes Primärversorgungssystem, das Hilfesuchende gezielt durch die Versorgung führt. Die Evaluation zeigt, dass die HzV in der jetzigen Form dafür keine geeignete Grundlage ist«, so Ballast. Er spricht sich daher für ein System mit einer digitalen Ersteinschätzung und einer fallbezogenen Steuerung aus, das durch eine Hausarztzentrierten Versorgung freiwillig ergänzt wird. 

Auch Jonas Schreyögg, Professor vom HCHE, findet deutliche Worte. »Die Studie zeigt, dass die HzV nur eine bedingte Steuerungswirkung aufweist. Unter anderem führt sie zu mehr Facharztkontakten und die Zahl der Krankenhausaufenthalte ist durch die HzV-Teilnahme nicht zurückgegangen«, so der Wirtschaftswissenschaftler. Ein Primärversorgungssystem brauche daher ein hohes Maß an Verbindlichkeit, um das Gesundheitswesen tatsächlich effizienter zu machen. 

Ärzte kritisieren Studie 

Doch es gibt auch Kritik an der Studie. So bezeichnete der Bundesvorsitzende des Virchowbundes, Dirk Heinrich, diese als einen »missglückten Beitrag in der aktuellen Diskussion«. Die Autoren hätten bewusst die Versorgungsrealität in Baden-Württemberg ausgeblendet, wo die Versorgung durch Hausärztinnen und Hausärzte zwingend an die fachärztliche Versorgung gekoppelt sei. »Nur so kann mehr Steuerung gelingen, denn ambulante Versorgung ist eine Gemeinschaftsaufgabe von Haus- und Fachärzten gleichermaßen«, so der Virchowbund-Chef. 

Der Ärztebund verweist auf das eigens entwickelte Modell des Koordinationsarztes. Jeder Patient hat darin einen koordinierenden Arzt, der ihn bei Bedarf an weitere Ärzte überweist. Das kann unter Umständen auch ein Facharzt sein. Dieser direkte Zugang zum Facharzt könne zur Entlastung des Hausarztes und zur Verbesserung der Versorgung beitragen. 

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