| Theo Dingermann |
| 22.01.2026 14:30 Uhr |
Pharmakologisch dominiert Methylphenidat in allen Ländern und Altersgruppen als der am häufigsten eingesetzte Wirkstoff. Neuere Substanzen wie Lisdexamfetamin und Guanfacin gewannen nach ihrer Markteinführung kontinuierlich an Bedeutung und etablierten sich in mehreren Ländern als zweit- oder dritthäufigste Therapieoptionen.
Demgegenüber zeigte sich für Atomoxetin in einigen Ländern eine stabile oder rückläufige Nutzung. Diese Entwicklungen spiegeln sowohl regulatorische Entscheidungen als auch klinische Präferenzverschiebungen wider.
Ein weiterer zentraler Befund betrifft die Therapietreue. Die Analyse der »Proportion of Patients covered« zeigt, dass ein erheblicher Teil der Patienten die Medikamenteneinnahme innerhalb des ersten Jahres nach Beginn wieder beendet. Nach zwölf Monaten waren nur noch etwa 15 bis 44 Prozent der Behandelten kontinuierlich versorgt. Kinder wiesen insgesamt die höchste Adhärenz auf, während sie bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen am niedrigsten war. Länderunterschiede deuten darauf hin, dass nationale Versorgungskonzepte und Selektionsmechanismen eine wichtige Rolle spielen.
Bemerkenswert ist zudem das klinische Profil der Behandelten. Ein hoher Anteil, insbesondere unter erwachsenen Patienten, wies bereits vor Therapiebeginn psychiatrische Komorbiditäten wie Depressionen oder Angststörungen sowie eine umfangreiche Vorbehandlung mit Psychopharmaka auf. Die Forschenden betonen, dass diese Patientengruppen häufig in randomisierten klinischen Studien ausgeschlossen sind, was die Bedeutung von Real-World-Daten für die Nutzen-Risiko-Bewertung von ADHS-Medikamenten unterstreicht.
Das Science Media Center Deutschland befragte Experten zu den Ergebnissen der Studie. So sagte beispielsweise Professor Dr. Oliver Grimm, leitender Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Frankfurt, dass der allgemeine Anstieg bei der Verschreibung von ADHS‑Medikamenten besonders bei Erwachsenen und Frauen zwar auffällig, aber wenig überraschend sei. Zudem ließen sich die Unterschiede zwischen den Ländern nicht mit »mehr« oder »weniger ADHS« erklären, sondern mit ihren Gesundheitsstrukturen und Behandlungstraditionen. Entscheidend seien beispielsweise eher Kriterien, wie einfach es für Betroffene sei, zu Fachärzten überwiesen zu werden.
Professorin Dr. Alexandra Philipsen, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinikum Bonn, bestätigt aus ihrer Erfahrung, dass die Kontinuität der Behandlung schlecht sei, gerade auch in Deutschland. Für sie sei es weder überraschend noch besorgniserregend, dass die Verordnungen zunähmen.
Sehr kritisch äußert sich Dr. Hanna Christiansen, Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie, Fachbereich Psychologie, Philipps-Universität Marburg. Ihrer Meinung nach würde in Deutschland in jedem Fall zu viel verordnet. Der Diskurs »ADHS = neurobiologische Störung = medikamentöse Behandlung« müsse dringend vom Kopf auf die Füße gestellt werden. In der Gesellschaft und Öffentlichkeit müsse das Wissen zu den Überdiagnosen, Fehldiagnosen, der mangelnden Evidenz einer medikamentösen Behandlung und vor allem deren negativen Effekte dringend thematisiert werden.