| Paulina Kamm |
| 09.03.2026 16:24 Uhr |
Gesundheitsberufe sind nach wie vor Frauenberufe. Gewalt gegenüber Frauen im Alltag und am Arbeitsplatz ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, so Expertinnen und Experten. / © Imago/Eibner
»Noch immer fehlt eine bundesweit einheitliche Gesamtstrategie zur Bekämpfung von geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt. Wohl auch deshalb ist das Vertrauen in die Justiz, Präventionsmaßnahmen sowie Schutz- und Beratungsangebote eher gering und die im einstelligen Bereich bei eher unter 5 Prozent liegende Anzeigenquote sehr niedrig«, so etwa der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP).
In der Vergangenheit habe der BDP bereits via Resolution auf den dringenden Handlungsbedarf bei der tatsächlichen praktischen Umsetzung der Istanbul-Konvention auf nationaler Ebene hingewiesen worden, heißt es. In dieser Konvention ist die Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen seit 2011 verankert. 2025 wurden demnach dann »Verbesserungsvorschläge formuliert, die gemäß der drei Säulen Prävention, Schutz und Strafverfolgung darauf abzielen, die geschlechtsspezifische Gewalt langfristig einzudämmen und Betroffene besser zu schützen«, so der BDP.
Die Vorschläge des Berufsverbands sind nach eigener Aussage zahlreich und reiche von flächendeckender Finanzierung für die Umsetzung der Anforderungen des Gewalthilfegesetzes über Beratungsstellen und Schutzeinrichtungen bis zu einer Datenerhebung, um die gesetzliche Regelung von Tatbeständen voranzutreiben. Die frauenpolitische Sprecherin der Grünen, Ulle Schauws, fordert: »Die Regierung muss endlich aus der Lethargie erwachen und sich stärker für die Frauenrechte einsetzen.«
»Die ›Epstein Files‹ zeigen, wie tief verwurzelt das systemische Versagen im Umgang mit sexuellem Missbrauch und Ausbeutung von Frauen ist. Diese Enthüllungen sind ein dramatischer Weckruf: Wir müssen patriarchale Strukturen durchbrechen«, so Schauws weiter. Alarm schlagen auch die Vereinten Nationen.
So sei die geschlechterbezogene Gleichstellung in keinem Land der Welt erreicht, im Gegenteil: Fortschritte aus den vergangenen Jahren sehen die Vereinten Nationen heute in Gefahr.
Und wie ist es hierzulande? Eine Erhebung des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) aus dem Jahr 2024 verzeichnete 91.479 Kontaktaufnahmen zum Hilfetelefon »Gewalt gegen Frauen« in Deutschland. Insgesamt kam es zu 61.235 Beratungen, etwa 4 Prozent mehr als im Vorjahr und damit ein neuer Höchststand. Seit 2020 machen Apotheken bundesweit auf das Hilfetelefon »Gewalt gegen Frauen« aufmerksam.
Die Sprecherin für Frauengesundheit der Linken, Julia-Christina Stange, sieht einen Zusammenhang zwischen Gewalt gegen Frauen und Gewalt im Gesundheitswesen: »Das Gesundheitswesen ist einer der am stärksten feminisierten Arbeitsbereiche. Gleichzeitig arbeiten viele Beschäftigte unter enormem Druck: Personalmangel, hohe Arbeitsbelastung, Schichtarbeit und ökonomischer Kostendruck prägen den Alltag«, so Stange. Laut Statistischem Bundesamtes beträgt der Frauenanteil im Gesundheitssystem 74,4 Prozent.
Auch andere Quelle berichten von einer Gewaltzunahme. Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage im Auftrag von Doctolib waren drei Viertel der befragten 1.008 Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und medizinischen Fachangestellten in den vergangenen zwölf Monaten mit Gewalt in verschiedenem Ausmaß konfrontiert.
Eine flächendeckende Strategie gegen Gewalt fehlt auch im Gesundheitswesen. Zwar berichten einzelne Kliniken von hausinternen Konzepten, doch verpflichtet sind sie dazu nicht. Die Linke fordert hier: »Besonders wer im Gesundheitswesen arbeitet, hat ein Recht auf Sicherheit, Respekt und gute Arbeitsbedingungen. Dazu gehören verbindliche Schutzkonzepte in Kliniken und Pflegeeinrichtungen, klare Melde- und Unterstützungsstrukturen für Betroffene sowie eine konsequente strafrechtliche Verfolgung von Übergriffen«, so Stange.
Ende vergangen Jahres reagierte der Gesetzgeber: Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) schlug einen neuen Tatbestand im Strafgesetzbuch (StGB) vor: »Widerstand gegen oder tätlicher Angriff auf Personen, die eine dem Gemeinwohl dienende Tätigkeit ausüben.«
»Dass Frauen in Pflegeberufen zusätzlich Gewalt ausgesetzt sind, macht auf schockierende Weise sichtbar, wie gering der gesellschaftliche Respekt vor Care-Arbeit noch immer ist, und wie wenig diejenigen geschützt werden, die diese Arbeit verrichten«, kritisiert die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Professorin Henriette Neumeyer. Auch die Linken-Politikerin Stange kritisiert die mangelnde Wertschätzung gegenüber Care-Berufen.