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Adhärenzförderung

Sollte man Patienten für die Einnahme ihrer Medikamente bezahlen?

Schätzungen zufolge nimmt weltweit circa die Hälfte aller chronisch Kranken ihre Medikamente nicht ordnungsgemäß ein. Wissenschaftler haben jetzt am Beispiel von Statinen untersucht, ob finanzielle Anreize in Form eines Gewinnspiels eine langfristige Einnahme fördern könnten.
Carolin Lang
16.10.2020  11:00 Uhr

Eine unsachgemäße Einnahme von Medikamenten kann die Morbidität und Mortalität erhöhen und zudem das Gesundheitswesen belasten. Bisher gab es nur wenige Studien zur Persistenz, also zur langfristig ordnungsgemäßen Medikamenteneinnahme. Das nahm eine Forschergruppe aus den USA zum Anlass, einen finanziellen Anreiz als Persistenz-fördernde Maßnahme genauer zu untersuchen. Die Ergebnisse der Studie erschienen kürzlich im Fachjournal »JAMA Network«. (DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2020.19429)

Die Arbeitsgruppe um Erstautor Dr. Iwan Barankay, Ökonom und Management-Professor an der University of Pennsylvania, untersuchte in einer randomisierten Studie, ob finanzielle Anreize in Form eines Gewinnspiels die Statin-Adhärenz langfristig verbessern und somit den LDL-Spiegel beeinflussen können. Die Studienpopulation umfasste insgesamt 805 Erwachsene mit erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, suboptimaler LDL-Spiegel-Kontrolle und Anzeichen für eine mangelnde Therapietreue. Die Teilnehmer wurden in eine Kontroll- und drei Interventionsgruppen eingeteilt. Bei den Teilnehmern der Interventionsgruppen war die Statin-Einnahme über sechs Monate mit einem finanziellen Anreiz in Form eines Gewinnspiels verbunden, um die Patienten auf eine regelmäßige Einnahme zu konditionieren. Der LDL-Spiegel wurde weitere sechs Monate später erneut evaluiert, um auch nach dem Ende der Intervention auf dauerhafte Verbesserungen zu testen. Alle Teilnehmer wurden täglich an die Medikamenteneinnahme erinnert. Sie erhielten außerdem eine elektronische Tablettendose, durch deren Öffnung die Statin-Adhärenz nachverfolgt wurde.

Die gemessene Adhärenz war in der Interventionsgruppe zwar höher, doch unterschied sich der LDL-Spiegel nach zwölf Monaten als primärer Endpunkt der Studie statistisch gesehen nicht zwischen Interventions- und Kontrollgruppe. »Finanzielle Anreize können die Adhärenz und somit das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbessern, aber das optimale Vorgehen zur Förderung einer anhaltenden Adhärenz nach dem Wegfall von Anreizen ist noch unbekannt«, schreiben die Autoren.

Weitere Studien im Bereich der Grundlagenforschung seien nötig, um zu verstehen wie lange ein Verhalten verstärkt werden muss, bevor es zur Gewohnheit wird, kommentiert Dr. Hayden B. Bosworth, Professor für Medizin, Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften sowie Gesundheitswissenschaften an der »Duke University« in North Carolina, die Studienergebnisse. (DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2020.20233)

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